Grußwort von Pit Holzwarth

Schauspiel

Foto: Marlène Meyer-Dunker
Foto: Marlène Meyer-Dunker

 

Sehr geehrtes Publikum,

13. März: Die Welt, wie wir sie kannten, kam zum Erliegen: Lockdown. Es war eine nie gekannte Zwangsentschleunigung, die unserem öffentlichen kulturellen Leben zeitenweise die Luft abdrehte. Die Sicherheit wird hoffentlich nur für kurze Zeit über die Freiheit siegen. Dafür arbeiten wir. Doch die Welt wird eine andere werden, nach diesem Ausnahmezustand der Demokratie. Für unsere Kunst brauchen wir den Dialog mit Ihnen. Wir sehnen uns nach Ihrem Atem, dem Klang Ihrer Hände. Ihre Blicke erwecken unser Spiel zum Leben und Ihre Gegenwart macht diesen Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum zu einem unverwechselbaren lebendigen Ereignis.

Diese Krise erscheint mir wie ein historischer Moment des Umbruchs, der den schnellen Infarkt einer kollektiven Erzählung, der Wachstumsökonomie der industriellen Moderne und ihrer Grundlage, der gewalttätigen Herrschaft des Menschen über die Natur, einleiten könnte. Wir müssen lernen unsere Geschichten anders und neu zu erzählen.

Dieses aggressive Verhältnis zu unserer Erde und zu den Menschen ist seit langer Zeit ein entscheidender kultureller Faktor und eine mögliche Ursache für die Krise der Welt im Anthropozän. In meiner vorletzten Spielzeit in Lübeck wollen wir dieses Weltverhältnis und die Verfeindungsstrategien der Menschen durch unsere Stückauswahl näher untersuchen. Mit dem »Schimmelreiter« und »Peer Gynt« werden zwei Figuren vorgestellt, die als Eroberer, Wissenschaftler, Industrieller und Abenteurer versuchen ihr Glück der Welt aggressiv abzutrotzen.

Mit Joshua Sobols selten gespieltem Stück »Ghetto« setzen wir uns mit der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts auseinander: der industriellen Vernichtung von Menschen durch eine rassistische, bösartige, hasserfüllte Ideologie und Politik.

Wajdi Mouawds »Vögel« wäre meine letzte Premiere der vergangenen Spielzeit gewesen, die leider durch den Lockdown nicht das Licht der Welt erblicken konnte. Weil wir dieses Theaterstück für unsere Gegenwart so wichtig finden, haben wir uns entschlossen, dieses Familienepos über den Nahostkonflikt in die Spielzeit 2020/21 zu transferieren.

In unserem Weihnachtsstück zeigen wir einen Gegenentwurf zu einer sich immer weiter beschleunigenden Welt. Michael Ende entwickelt in »Momo« eine alternative Utopie: eine Welt, in der wir uns Zeit nehmen für Freundschaft und Poesie: »Die Zeit ist das Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.« »Der Untertan« von Heinrich Mann, dessen Geburtstag sich in der kommenden Spielzeit zum 150. Male jährt, und »Eine kurze Chronik des künftigen China« des jungen Hongkonger Autors und Aktivisten Pat To Yan beschäftigen sich lustvoll mit Transformationsprozessen in autoritären Gesellschaften.

Zum Abschluss der Spielzeit befassen wir uns mit dem Thema Mensch-Maschine. E. T. A. Hoffmanns Novelle der schwarzen Romantik »Der Sandmann« und Heinrich von Kleists Aufsatz »Über das Marionettentheater« treten in einen Dialog über die Grazie eines künstlichen Menschen und dessen abgründige Seite.

Die selten gespielte Theaterautorin Anna Gmeyner befragt in ihrem grotesk-komödiantischen Volksstück »Automatenbüffet« die Ökonomisierung der Welt, die scheinbar auch vor der Liebe nicht Halt macht.

Wir werden Ihnen die Aufführungen der neuen Spielzeit als kurzweilige Live-Hörspiele und formal aufregende epische Experimente präsentieren. Für Ihren Theaterbesuch haben wir ein differenziertes Hygiene-Konzept entwickelt, mit einem auf die Einhaltung der Abstandsregeln ausgerichteten Platzangebot, so dass Sie ohne Angst unseren neuen Spielplan genießen können. Daran haben wir mit unseren Experten intensiv gearbeitet. Wir wollen mit unserem Spiel berühren und durch die Zuschauer berührt werden. Der Austausch zwischen Bühne und Auditorium ist durch kein Streaming und keine digitale Repräsentation zu ersetzen.
Wir freuen uns auf Sie!

 

Ihr

Pit Holzwarth
Schauspieldirektor