Grußwort von Stefan Vladar

Musiktheater

Foto: Jochen Quast
Foto: Jochen Quast

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes Publikum!

»Mit großer Freude und auch ein wenig Stolz möchte ich Ihnen den Spielplan präsentieren, den ich mit meinem Stellvertreter Bernd Reiner Krieger und unserem Team für Sie zusammengestellt habe. Ein Spielplan, der, wie wir denken, gleichsam eine Belohnung für Ihre langjährige Treue zu unserem Haus und auch ein Wegweiser sein soll für die Reise, zu der wir Sie einladen möchten, uns in den nächsten Jahren zu begleiten.
Als Eröffnungspremiere freuen wir uns auf Peter Konwitschnys Stuttgarter »Medea« von Luigi Cherubini in der Ausstattung von Johannes Leiacker, die 2017 zur Inszenierung des Jahres gewählt wurde.
Anschließend kehrt Anthony Pilavachi, der Schöpfer des legendären »Lübecker Rings« und vieler weiterer großer Lübecker Operninszenierungen mit seiner kongenialen Ausstatterin Tatjana Ivschina an unser Haus zurück, um Wagners »Lohengrin« zu gestalten.
Im November werde ich Ihnen zusammen mit Michael Wallner, dem Bühnenbildner Heinz Hauser in Kostümen der Ihnen bestens bekannten Tanja Liebermann ein Geschenk aus meiner Heimatstadt Wien überreichen – Johann Strauss’ »Fledermaus«.
Im Januar folgt der Krimi der klassischen Moderne, Paul Hindemiths »Cardillac«, dem Goldschmied, der die Trägerinnen seiner Schmuckstücke meuchelt, weil er es nicht erträgt, seine Werke nicht um sich zu haben. Julian Pölsler, der österreichische Filmregisseur, der sich mit einer ganzen Reihe von Kriminalgeschichten und vor allem auch mit der Verfilmung von Marlen Haushofers »Die Wand« als Meister des poetischen »Mystery« erwiesen hat, wird zusammen mit Roy Spahn die geheimnisvolle Geschichte in Szene setzen.
Der März bringt zwei absolute Meister der Angelsächsischen Oper nach Lübeck. Stephen Lawless und sein Ausstatter Ashley Martin Davis, sonst in Glyndebourne, San Francisco, Los Angeles, Montreal, Edinburgh und unzähligen anderen ersten Opernhäusern der Welt zu Hause, werden bei uns Mozarts »Le nozze di Figaro« auf die Bühne zaubern.
Beschließen wird die Spielzeit ein besonderes Herzensprojekt von uns: Die selten gespielte, hochemotionale und zu Zeiten ihrer Uraufführung 1913 an der Mailänder Scala sensationell erfolgreichen Tragödie »Die Liebe der drei Könige (L’amore dei tre re«) von Italo Montemezzi, ein Beispiel glühenden Verismos wird von »unserer« Effi Méndez inszeniert, die Ihnen mit Bühnenbildner Stefan Heinrichs und Kostümbildnerin Ilona Holdorf-Schimanke von Bernsteins »A Quiet Place« noch in bester Erinnerung sein wird.«

So hätte mein Vorwort zum Spielzeitheft ausgesehen.
Doch dann kam Corona …

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat nicht nur das gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Leben völlig umgekrempelt, sondern auch das kulturelle. Abstand- und Hygieneregeln machen Musiktheater, wie wir es gewohnt sind, auf noch unbestimmte Zeit leider unmöglich!

Aber wir wollen den Pakt mit Ihnen, liebes Publikum, nicht aufgeben. Wir bleiben beharrlich und es soll alles so kommen, wie wir es für Sie geplant hatten, nur – da, wo es noch nicht anders geht – um ein Jahr verschoben. Selbes Stück, selbes Team, selber Monat, aber eben erst im folgenden Jahr. Wir sehen die dadurch entstandene Situation aber nicht nur und in erster Linie als Bürde, sondern und vor allem auch als Chance! Wir beugen uns selbstverständlich den auferlegten »neuartigen« Regeln und nutzen diese Gelegenheit, einen Spielplan ins Leben zu rufen, der Ihnen »Perlen« des Opernschaffens zeigen wird, die vielleicht zu Unrecht sonst nur sehr selten zu hören sind, nicht zuletzt weil sie eben nicht die Opulenz in den Orchestergraben und auf die Bühne bringt, die uns vor allem die Meister der Oper des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts so unentbehrlich gemacht haben. In dieser Opulenz der Klangwelten großer Orchester und Chöre läuft man aber auch Gefahr, den Blick zu verlieren auf die kleinen, konzentrierten Szenen, die sich – nicht weniger bedeutsam – zwischen den Menschen abspielen, in ihren Höfen und Zimmern, in ihren Sorgen und Nöten, in ihren Träumen und Hoffnungen, ihrer Tragik und ihrer Komik.

Von ihnen wollen wir erzählen – mit kleinen Orchestern, ohne Chöre, ohne Körperkontakt, aber durch die Magie der Musik, mit der Fantasie und den Imaginationen des Theaters, mit derselben Hingabe und – mit denselben Menschen!
Peter Konwitschnys Assistent Rainer Vierlinger präsentiert uns das »Paradebeispiel« möglicher Reduktion in der Oper. Eine Sängerin und ein Telefon, Kommunikation in der Isolation, der Mitmensch nicht greifbar in einem Doppelabend mit Francis Poulencs »Die menschliche Stimme« (»La voix humaine«) und Gian Carlo Menottis »Das Telefon«.
Anthony Pilavachi erzählt uns die Geschichte von »Tolomeo«, dem Ägypterkönig
in der gleichnamigen Oper von Georg Friedrich Händel. Michael Wallner schreibt und inszeniert einen höchst unterhaltsamen Abend über Cole Porter, den Weltmeister des Songs, und Julian Pölsler versenkt sich in die geheimnisvolle Atmosphäre von August Strindbergs und Aribert Reimanns »Gespenstersonate«.
Für die beiden letzten Opernproduktionen der Saison sind eventuelle Alternativoptionen derzeit noch in Planung.

Wann immer »Corona« unsere Gesellschaft verlässt, freiwillig oder zwangsgeräumt durch einen Impfstoff, kehren wir – mit der zur Vorbereitung und Einstudierung nötigen Verzögerung – zu unserer ursprünglichen Planung zurück. Bis dahin steht uns noch ein langer und steiler Weg bevor, aber es ist ein Weg, den zu gehen – besonders nach der Erfahrung des Verzichts, den wir durch die erzwungene Trennung und Isolation erfahren mussten – es lohnt. Wir wünschen uns sehr, dass Sie diesen Weg mit uns gehen. Lassen Sie uns gemeinsam diesen Anstieg nehmen, zurück in eine Normalität, in der das gemeinschaftliche Erleben von Kultur uns wieder stärkt und beseelt.
Und vor allem: Haben Sie keine Angst! Wir haben alles vorbereitet, dass Sie in unserem Haus allzeit sicher ein und aus gehen können. Wir schützen Sie, sofern Sie sich selber schützen!
In diesem Sinne freuen wir uns auf viele spannende und erbauende Opernabende und vor allem freuen wir uns auf Sie, liebes Publikum!

 

Ihr

Stefan Vladar
Kommisarischer Operndirektor ab der Spielzeit 2020/21 und Generalmusikdirektor