Schauspiel

Interview mit Martin Schulze und Fridays for Future Lübeck zu »Der Untergang der Titanic«

 
 

»Der Untergang der Titanic« wurde 1979 veröffentlicht. Bereits im Vorfeld der Produktion war uns klar, dass Enzensbergers schwarzhumorig-zweifelnder Kommentar zum brüchigen Zustand der Zivilisation nicht nur in Bezug zum historischen Unglück gesetzt werden darf, sondern auch als hellsichtiger und prophetischer Ausblick auf zukünftige Zeiten gelesen werden kann.

Martin Schulze Die Frage, die sich angesichts des vordergründig undramatischen Textes von Enzensberger stellt, ist: Was ist das zu erzählende Drama? Vielleicht das Drama unserer eigenen Hilflosigkeit, Unsicherheit, Handlungsunfähigkeit angesichts selbst verschuldeter Krisen! Davon erzählt der Text, vom verunfallten Menschen – der Unfall als Ernstfall der Aufklärung. Viel Spaß dabei, sagt Enzensberger, und nennt seinen Text eine Komödie!

Wir fragten zu Probenbeginn auch die Lübecker Ortsgruppe von Fridays for Future, ob sie Interesse hätte, die Inszenierung beobachtend zu begleiten, und waren neugierig, welchen Eindruck sie bisher gewonnen haben.

Inwieweit könnt Ihr mit dem Text oder dem Motiv der untergehenden Titanic Themen assoziieren, die Eure Arbeit und Euer Anliegen als Aktivist:innen betreffen?

Florian Die Metapher des Eisbergs ist tatsächlich insofern sehr passend, als dass wir als Gesellschaft gerade durch eine riskante Passage steuern, und selbst, wenn das Unglück bereits passiert ist und Wasser ins Schiff läuft, zu spät reagiert wird. Was aber geschieht, wenn die Gefahr zu spät erkannt und so lange wie möglich verdrängt wird, zeigt die Geschichte der Titanic auf eindrückliche und dramatische Weise. Auch in der Klimakrise wurde die Dringlichkeit und das ganze Ausmaß so lange ignoriert, bis unser Handlungsspielraum, noch etwas zu retten, erschreckend klein und das Zeitfenster, das uns noch bleibt, sehr kurz ist. Dabei wissen wir schon lange um die existentielle Natur und die Gefahren der Klimakrise, sie ist schon heute überall auf der Welt sichtbar, und um nicht zu sinken, muss jetzt gehandelt, der Eisberg also mit guter Klimapolitik umschifft werden.
Mira Die Titanic wurde damals als unsinkbar betitelt. Erst als das Schiff gesunken war, lernten sie daraus. In der Klimakrise darf es nicht passieren, dass wir erst dann aus Fehlern lernen, wenn es zu spät ist.

Haltet Ihr das Theater für einen Ort, an dem Eure Themen – zum Beispiel das der Klimagerechtigkeit –, gesellschaftlich verhandelt werden kann oder gar verhandelt werden sollte?

Marek Kunst darf bestimmt auch einfach ästhetisch sein und weniger politische Sphären ansprechen, aber die gesellschaftspolitische Verhandlung von für alle relevanten Themen ist eine ihrer zentralen Aufgaben. Theater kann bzw. muss Diskurse, die in der Presse, in den Parlamenten oder in der Schule stattfinden, spiegeln und verarbeiten, diese aber auch voranbringen und neue Impulse geben. Hier können auch unsere Emotionen, die nicht überall Platz finden, wie der Frust und die Verzweiflung in der Klimakrise, einfließen und in einem Stück wie »Der Untergang der Titanic« sinnstiftend eingeordnet werden.
Mira Theater kann Menschen berühren, zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Umdenken bewegen. Das Problem des Klimawandels hat uns ebenfalls berührt und uns zum Umdenken gebracht, deshalb brauchen wir solche gesellschaftskritischen Themen auch im Theater.

Wie, glaubt Ihr, kann man in einer Gesellschaft, in deren DNA ständiges Wachstum oder zumindest die dauerhafte Bewahrung des Status quo fest verankert ist, grundsätzlich umsteuern?

Florian Diese Vorstellung ist schon in sich widersprüchlich, denn ständiges Wachstum bedeutet, dass es täglich massive Einschnitte in unser Leben gibt, also keine Bewahrung von irgendetwas sicher ist. Der Status Quo und die Idee von unendlichem Wachstum bewirken keineswegs den Erhalt des Wohlstands, sondern zerstören unsere Lebensgrundlagen und stellen unsere Lebensrealität in Frage. Statt verbissen daran festzuhalten, müssen wir uns die Frage stellen, wie viel Wohlstand und Beständigkeit es in einer immer weiter eskalierenden Klimakatstrophe geben wird.
Marek Was unser ökonomisches System aber von den naturwissenschaftlichen Gesetzen unterscheidet ist, dass es ein menschengemachtes, politisch steuerbares Konzept ist, das wir verändern können. Die Wirklichkeit der Krisen, die wir heute erleben, zeigt uns, dass wir vielmehr an einem menschenorientierten System innerhalb der planetaren Grenzen arbeiten müssen, das auf Werten basiert, von denen man tatsächlich sagen könnte, dass sie in der menschlichen DNA verankert sind: der Wunsch nach Frieden und Stabilität, Lebensqualität und Gerechtigkeit.

Wie erreichen wir Menschen, die in der Ersten Klasse reisen und den Riss im Bauch des Schiffes gar nicht wahrnehmen (wollen)?

Mira Vielleicht sollten wir uns, statt zu überlegen, wie wir Klimapolitik für Reisende der Ersten Klasse machen können, erstmal fragen, ob sie diejenigen sind, deren Interessen und Meinungen im Vordergrund stehen sollten. Die Klimakrise trifft vor allem die vielen Menschen, die nicht in der Ersten Klasse reisen und die es sich nicht leisten können, neu anzufangen, wenn eine Flut ihr Zuhause zerstört, während die Reichsten unserer Gesellschaft am meisten Emissionen verursachen und häufig sogar davon profitieren, wenn weiter ungebremst CO2 in die Atmosphäre geschleudert wird.
Marek Gesellschaftliche Mehrheiten für Klimagerechtigkeit erreicht man nicht, indem Entscheidungen zugunsten weniger Menschen und großer fossiler Konzerne getroffen werden, und Politiker:innen weiter versuchen, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen. Aufgabe der Politik ist es nicht die Reisenden der Ersten Klasse glücklich zu machen, sondern sie auch finanziell in die Verantwortung zu nehmen.
Florian Zudem sollte allen Menschen klar sein, dass Klimakatastrophen keinen Bogen um Geld machen werden, und egal, um wie viele Stockwerke wir die Titanic höher bauen könnten, gesunken wäre sie trotzdem, die Erste Klasse trifft es vielleicht nur etwas später.