Von Sparte zu Sparte

 
 

Im Gespräch mit Malte C. Lachmann, Caspar Sawade und Stefan Vladar

 

Wie optimistisch blicken Sie in die Zukunft?

Caspar Sawade Ich blicke sehr optimistisch auf den Neuanfang am Theater Lübeck. Schon, dass wir hier zu dritt sitzen und gemeinsam die Zuschauer:innen begrüßen, zeigt, dass wir dem Theater eine gemeinsame Intuition oder ein Gesicht geben wollen und den Glauben an die Kraft des Theaters teilen. Wir sprechen Anfang März 2022 miteinander und die Zeiten sind alles andere als hoffnungsvoll, aber ich bin überzeugt: was wir tun, wird dadurch um so wichtiger. Denn das Coronavirus hat zwar die Gesundheit bedroht und unsere Kunst unmöglich gemacht, aber was gerade weltpolitisch passiert, das stellt unser menschliches Zusammenleben insgesamt in Frage. Und darauf Antworten zu finden, ist eine Herausforderung, die dem Theater sehr nahe ist.

Stefan Vladar Diese Spielzeit stehen viele Großprojekte im Musiktheater und der Konzertsparte an, die wir zum Teil schon sehr lange planen – die Bauprobe für »Lohengrin« fand im März 2020 statt! Insofern bin ich optimistisch, dass wir 2022/23 nicht mehr ständig Kompromisse eingehen müssen, dass wir nicht mehr alle paar Wochen auf Plan B zurückgreifen müssen. Eigentlich wäre ein passendes Motto dieser Spielzeit »Plan A«.

Malte C. Lachmann Tatsächlich spielt die Pandemie im Schauspiel-Spielplan für die Spielzeit 2022/23 keine Rolle. Wir haben das Programm von der Stadt Lübeck und unseren Künstler:innenpersönlichkeiten her gedacht und insofern bin ich – was künstlerische Aspekte anbelangt – absolut optimistisch und freue mich auf alles, was kommt. Zudem ist unsere Sehnsucht nach Austausch mit dem Publikum groß und durch die pandemiebedingten Einschränkungen der letzten zwei Jahre noch mehr gewachsen. Ich hoffe sehr und werde alles dafür tun, dass wir wieder mehr miteinander ins Gespräch kommen werden.

Aber hat die Pandemie nicht auch zu Erkenntnissen geführt? Zum Beispiel wie viel inzwischen digital möglich ist?

CS Theater bringen eine spezielle Kunst des Miteinanders hervor; nämlich Aufführungen im Beisein des Publikums. Das ist eine analoge Kunstform, für die es gerade Stadttheater wie das Theater Lübeck braucht. Mit einem Theatergebäude in der Stadt, mit einem Malsaal, einer Tischlerei, überhaupt mit Werkstätten. Ein Maler macht mit seiner Leinwand und seinen Farben auch keine digitale Kunst. Er bräuchte dafür andere Instrumentarien. Unsere Aufgabe hingegen liegt im Kontakt zwischen Kunst und Menschen.

MCL Es gibt gewisse Aspekte unserer Arbeit, die digital sind und über die ich mich freue: Etwa das neue Erscheinungsbild des Theaters, das sich auf unserer Website und in den sozialen Medien niederschlagen wird. Oder dass wir ab nächster Spielzeit verstärkt auf Videotrailer setzen werden, um dem Publikum einen Vorgeschmack auf das zu geben, was wir dann gemeinsam im Theater erleben können.

SV Absolut. Auch CD-Einspielungen sind ja zum Beispiel nichts Anderes als digitale Hinterlassenschaften. Aber es sind eben Abbildungen von Theater, die dem Festhalten oder der Werbung dienen. Das Wesentliche unserer Kunst gehört jedoch auf die Bühne und die Podien.

Ich möchte gerne den Hinweis auf das neue Erscheinungsbild des Theater Lübeck aufnehmen. Wie ist es zum neuen Design gekommen? Welche Stichpunkte haben eine Rolle gespielt?

MCL Die Kollegen Caspar Sawade und Stefan Vladar arbeiten ja schon länger am Haus und ich komme neu dazu. Aber als Team beginnen wir nun zu dritt. Dafür ist die Neugestaltung des Corporate Designs ein Zeichen nach außen. Die gemeinsame Erarbeitung hat schon jetzt gezeigt, dass wir bei inhaltlichen und ästhetischen Prozessen gut an einem Strang ziehen können. Außerdem glaube ich, das Ergebnis zeugt vom großen Qualitätsanspruch, den wir an unsere Arbeit stellen. Und auch das neue Design selbst ist eine Mischung aus »alt« und »neu«: Die Gestaltung der Druckerzeugnisse und der Homepage ist von architektonischen Elementen des Theaterbaus inspiriert, die natürlich für das Althergebrachte stehen. Aber es gibt auch neue Impulse: Zum Beispiel wollen wir durch eine ganz andere Farbgestaltung als bisher und mit einer großen stilistischen Klarheit mit dem Publikum kommunizieren.

SV Das möchte ich eigentlich nur um Eines ergänzen: Das neue Erscheinungsbild gibt Hinweise auf das, was hinter den Mauern geschieht und hat somit eine Vermittlungsfunktion. Letztlich machen aber die Inhalte das ganze Theater zu mehr als die Summe seiner Details. Das neue Design zeigt, dass es eine Dachmarke gibt unter der sich die große Vielfalt verschiedener Sparten finden lässt.

Was sind Ihre persönlichen Highlights in der kommenden Saison?

SV Natürlich freue ich mich auf die großen Opern. Dass wir mit dem »Lohengrin« nun endlich das Signal für einen neuen Start geben können. Aber es gibt auch kleinere, persönliche Highlights. Ich freue mich wahnsinnig, dass ich mit meiner Wiener Seele hier den norddeutschen Lübeckerinnen und Lübeckern eine Wiener »Fledermaus« schenken kann. Und in der Gesamtschau freue ich mich darauf, dass wir neben den großen Produktionen auch viele kleine Samenkörner einpflanzen werden, die in den nächsten Jahren Blüten und Früchte tragen.

MCL Tatsächlich gibt es viele kleinere Formate in unserem breit aufgestellten Rahmenprogramm, die wir etablieren möchten. Etwa die »Monday Shorts«: Eine Veranstaltungsreihe, in der wir ein spartenübergreifendes Unterhaltungsprogramm bieten werden. Darin haben Künstler:innen und Mitarbeiter:innen des Hauses jeden Montagabend die Möglichkeit, eine eigene kleine Aufführung zu kreieren. Das an die Stadt heranzutragen und gemeinsam kreativ zu werden, darauf freue ich mich sehr.

CS Ich freue mich auf so Vieles: Darauf, dass wir uns hoffentlich nicht mehr klein machen müssen angesichts von Corona. Ich freue mich auf große Konzerte und auf Projekte im Stadtraum. Ein persönliches Highlight wird für mich die Freilicht-Inszenierung im nächsten Sommer. Langfristig Open-Air-Theater in die Stadt zu bringen, das wird für das Haus auch eine Herausforderung werden, aber ich bin optimistisch und freue mich auf einen Spielplan, der alle einlädt.

 

Das Gespräch führte Cornelia von Schwerin, Leitende Schauspieldramaturgin

Foto: Jan Philip Welchering
Foto: Jan Philip Welchering