Schauspiel

Alice

nach Lewis Carrolls »Alice im Wunderland«

Musik und Gesangstexte von Tom Waits und Kathleen Brennan
Text von Paul Schmidt
Regie, Design und Visual Concept der Originalproduktion von Robert Wilson

Das Mädchen Alice folgt einem weißen Kaninchen in seinen Bau und fällt, fällt sehr tief oder fällt sehr langsam. Dieses Kaninchen, das mit Blick auf seine Taschenuhr jammert: »O weh! Ich werde zu spät kommen!«, wird sich später in Charles Dodgson – Lewis Carrolls bürgerlicher Name – verwandeln. Er erfand »Alice im Wunderland« 1862 zur Belustigung von Alice Liddell, der zehnjährigen Tochter des Dekans am Oxforder College Christ Church, hier unterrichtete Carroll Mathematik. Das Musical »Alice« erzählt die berühmte skurrile Geschichte der Titelheldin und ihres Autors, es changiert wie Carrolls Werke zwischen Traum und Wirklichkeit.

Alice und das Kaninchen fallen tief und tiefer, doch nicht durch die Erde hindurch bis ans andere Ende, sondern sie landen in einer Phantasiewelt – hier sind die Gesetze des Verstandes durch Zahlenrätsel und Wortspiele ersetzt, merkwürdige Gestalten wie die Grinsekatze, der verrückte Hutmacher und die Herzkönigin erwarten Alice. Carroll erträumt Alice im Wunderland, hier kann er die Zeit stoppen und beschleunigen, das Mädchen zwölf Mal schrumpfen und vergrößern.

»Ich mag Kinder (Jungen ausgenommen)«, schrieb der stotternde Autor, der in Gesellschaft kleiner Mädchen fließend erzählen konnte. Diese Zuneigung erscheint bis heute fragwürdig, Alices Mutter verbot Carroll bereits 1863 den Umgang mit ihrer Tochter. Caroll war ein passionierter Hobbyfotograf, er fotografierte oder zeichnete einige Mädchen nackt. Sehnsucht und Verlust sind Motive in der Musik, die ungewöhnlich weich und zart für Tom Waits klingt, doch es finden sich auch bekannte Klänge: raue Jazz-Balladen, lyrische Melancholie, im Ganzen eine surreale und exotische Welt.

Nach der »Dreigroschenoper« inszeniert Malte C. Lachmann dieses überbordend phantastische Musical auf der Suche nach konkreten Situationen in den Traumbildern.

Besetzung

Inszenierung Malte C. Lachmann
Musikalische Leitung Willy Daum
Kostüme Tanja Liebermann
Choreografie Tiago Manquinho
Dramaturgie Anja Sackarendt
Alice
Foto: Kerstin Schomburg
Wiederaufnahme 13/04/23 · Großes Haus

Dauer: ca. 1 Stunde, 30 Minuten (keine Pause)

Pressestimmen

»Regisseur Malte C. Lachmann gelingt es ausgezeichnet, sowohl den skurrilen Humor von Lewis Carroll als auch den philosophischen Hintergrund der beiden ›Alice‹-Bücher auf die Bühne zu bringen. [...] Lachmann schafft es, Lächerliches, Lachhaftes, Spaß und Ernsthaftigkeit zu einer Einheit zu verschmelzen, und das macht diesen Theaterabend so wunderbar. Der Abend wird aber auch getragen von der Musik von Tom Waits. Sie ist ungemein vielfältig und reicht von jazzigen Stücken bis hin zu an Kurt Weill erinnernde Balladen. Die groß aufspielende Band um Willy Daum präsentiert diese komplexen Arrangements ganz fabelhaft [...]. Insgesamt ein gelungener Ausflug in das Reich der Fantasie, mit ungeheurem Einfallsreichtum inszeniert und ausgestattet, ein wahres Fest für Augen und Ohren. Und für den Verstand, denn dieses Stück hat Tiefgang.«

Lübecker Nachrichten

»Astrid Färber ist eine wunderbare Alice, die trotz allem ihre Kindlichkeit bewahrt hat und mit großen Augen sich der Situation hingibt oder sie ablehnt. [...] Lilly Gropper verkörpert die unterschiedlichsten Rollen großartig; ebenso Susanne Höhne [...]. Wieder großartig Will Workman und Heiner Kock. Henning Sembritzki hat die Grinsekatze verinnerlicht und begeistert als strickendes Schaf. [...] Willy Daum ist einmal mehr für die musikalische Leitung und Arrangements unverzichtbar. Eine Vorstellung zum Lachen und Weinen, bei der man die Tiefgründigkeit des Stückes nicht außer Acht lassen darf.«

unser Lübeck

»Sechs der insgesamt sieben Darsteller schlüpfen in 37 Charaktere und grandiose Kostüme. [...] Darf man auch lachen? Aber ja! Das erigierende Objektiv des Fotografen Dodgson ist zum Brüllen, die Flamingos, die zu Krocketschlägern degradiert sind, das Schaf, das sich selbst strickt. Im Orchestergraben wird dazu gezaubert. Sechs Musiker spielen auf zwölf Instrumenten die pointierten Arrangements des musikalischen Leiters Willy Daum. Und auf der Bühne präsentiert das Personal Typisches für das Lübecker Schauspiel, nämlich hervorragenden Gesang. [...] Zu sehen ist eine grandiose Inszenierung.«

shz

»Überhaupt sieht man die schönsten schrägen Gestalten, von Kostümbildnerin Tanja Liebermann fantasievoll eingekleidet. [...] Eine feine Feier von Fantasie und Nonsens, garniert mit Comic und Kabuki, schön choreografiert von Tiago Manquino und getragen vom Ensemble.«

Kieler Nachrichten

»Aber es ist auch eine Inszenierung mit Tiefgang. […] Mit einem Gefühl des Unbehagens begleiten die Zuschauer*innen das nach der eigenen Identität suchende Mädchen ins fantastische Wunderland. Dennoch gelingt es Malte C. Lachmann die Leichtigkeit aufrechtzuerhalten und das Publikum mit abstrus-komischen Einfällen mehrfach zum Lachen zu bringen. […] Alle Darsteller*innen spielen so akzentuiert schräg wie aus einem Tim Burton-Film entsprungen und erhalten mehrmals Szenenapplaus. […] Das Premierenpublikum war begeistert.«

ultimo