Christophe Colomb
Foto: Jochen Quast

Musiktheater

Christophe Colomb

Piktogramm

Oper von Darius Milhaud (1892–1974)
Libretto von Paul Claudel (1868–1955)

(Uraufführung 1930)

Lübecker Erstaufführung

In deutscher Sprache

Premiere 12/10/19 | Großes Haus

Inhalt

»Da es in einer Welt, die nicht mehr viel weiter globalisiert werden kann, kein … noch so weit entferntes Ziel (gibt), zu dem man reisen könnte, bleibt nur noch das Zwischen, um neue Ressourcen zu entdecken ...«

François Jullien. Es gibt keine kulturelle Identität. Paris 2016/Berlin 2017. (vgl. S. 52/»Magazinseiten«)

Kolumbus (1451 Genua – 1506 Valladolid) – Stoff für eine Heiligenlegende oder einen Horrorfilm? Hinter Darius Milhaud lag in den 1920er-Jahren bereits ein längerer Brasilien-Aufenthalt und mit »Le bœuf sur le toît« war ein Werk entstanden, das aus brasilianischen Rhythmen, Volksmusik der Provence und Jazz einen unerhörten Klang raum schuf.

Viele Szenen seiner Oper »Christophe Colomb« bringen den Abstand zwischen Europa und Amerika – den Ozean – zur Sprache. Wir erleben Gottheiten der seit dem 16. Jahrhundert unterdrückten Kulturen Südamerikas – sie fürchten die Ankunft dieses Mannes. Dieser Kolumbus kann sich auch als Herrscher über Gottheiten fühlen, von denen der historische Kolumbus auf See- und Landwegen noch nichts gehört haben dürfte, weil sie erst im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts zu unverstandenen Feindbildern in den Augen europäischer Eroberer und ihrer gewaltsamen missionarischen Bestrebungen wurden. Von 1501 bis 1866 sollten mehr als 15 Millionen Menschen aus diversen Regionen des afrikanischen Kontinents versklavt und nach Amerika deportiert werden, um dort für Europa und »die Welt« Exportware zu produzieren – und selbst »Exportware« zu sein. Mehr lesen

Heiligenlegende und Horrorfilm? Vor allem in der Kombination von Musiktheater und filmischen Bildern stellte das Werk bei seiner Uraufführung an der Staatsoper Berlin 1930 einen Meilenstein dar. Elemente des epischen Theaters Bertolt Brechts, polytonaler Musik ebenso wie musikalische Überwältigungsstrategien machen erlebbar, wie »die Moderne« allem Anschein nach neue Horizonte eröffnen und gleichzeitig alten kolonialistischen Denkmustern verhaftet sein kann. Wie kein anderes Werk der 1920er-Jahre macht es Widersprüche und Möglichkeitsräume eines 20. Jahrhunderts erfahrbar, die auch 2019/20 noch bestehen. Weniger anzeigen

Besetzung

Musikalische Leitung Andreas Wolf
Inszenierung Milo Pablo Momm
Bühne Erika Hoppe
Choreographie Jessica Nupen
Licht Falk Hampel
Dramaturgie Carsten Jenß


Christophe Colomb I Johan Hyunbong Choi
Erzähler Merten Schroedter
Teufel (Opposant / Cuisiner, Valet, Sultan Miramolin, Majordome, Zeremonienmeister), Ein junger Mann Daniel Jenz
1., 2., 3. Gehilfe des Teufels, Défesseurs I-III, Guitarist I-III, Créancier I-III, Autres (Götter) I-III, Homme sage I-III, Christophe Colomb III-V, Le bourreau / Recruteur / Officier Hojong Song, Beomseok Choi, Juhwan Cho
Engel (Messager), Ixtlipetzloc Zachary Wilson
Le Roi d’Espagne / Huichtlipochtli Mario Klein
Quezalcoatl / Commandant Tim Stolte
Délegué / Christophe Colomb II / Un de officiers Gerard Quinn
Patron / Un de Savants Minhong An
Femme Angela Shin
La Duchesse de Medina Sidonia / Sopransolo Claire Austin
Mère, Altsolo Milena Juhl
Stimme im Ausguck Tomasz Mysliwiec
4 Performer Ann-Leonie Niß, Clàudia Ferrando, Marcelo Dono, León Gold


Chor und Extrachor des Theater Lübeck
Statisterie

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck



Dauer ca. 2 Stunden, 25 Minuten (eine Pause)

Pressestimmen

»Der Regisseur Milo Pablo Momm schaffte es, die enorme Materialfülle des Stoffs unter Kontrolle zu halten, unterstützt von eindrucksvoller Bühne (Erika Hoppe) und Kostümierung (Sebastian Helminger). Andreas Wolf leitete das groß besetzte Opernorchester engagiert und mit Verve. Bewundernswert die Leistung von Johan Hyunbong Choi, der sich mit klangschönem Bariton [...] durchsetzen konnte. Evmorfia Metaxaki (Isabelle) tat es ihm in ihren kurzen Einsätzen mit metallisch kraftvoller Sopranstimme auf Augenhöhe nach. Die Oper ist musikalisch interessant, teilweise rhythmisch sogar mitreißend. Das Publikum applaudierte begeistert [...].«


Das Opernglas

»Dem Regisseur Milo Pablo Momm ist es gelungen, die mannigfachen Elemente voller Phantasie zu einer heterogenen Einheit zu fügen. Nicht weniger eindrucksvoll, wie das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Andreas Wolf die stilistisch ebenso vielgestaltigen musikalischen Elemente - mit großen Chorsätzen, rhythmischen Ostinati, explosiv-perkussiven Impulsen und exotischen Idiomen - in den Dienst des Bühnengeschehens stellte. Die Musik ist ganz Dienerin des Dramas und gewinnt doch stärkste Wirkung durch ihre reichen Farben und klanglichen Bruitismen. [...] Die Inszenierung und das Bühnenbild von Erika Hoppe bringen Zeugnisse aus den durch den Kolonialismus zerstörten Kulturen ins Bild, die im Lübecker Volkskunde-Museum aufbewahrt werden. Für seine Inszenierung hat der Regisseur Momm, in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Andreas Wolf, das Gestrüpp der Episoden gelichtet. Er hat gestrafft und fügte aus sechs Figuren den Teufel, den Gegenspieler des Titelhelden. Das ist überzeugend gelungen, vor allem durch die sängerisch brillante Darstellung des Tenors Daniel Jenz. Der stimmstarke Bariton Johan Hyunbong Choi verlieh der Titelfigur ein markantes Profil.«


Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Großtat des Theater Lübeck [...]. Es war ein mutiges Unterfangen für das Theater Lübeck, sich in den barocken Irrgarten dieses Musiktheaterfremdlings zu wagen. [...] Dem stimmstarken Bariton Johan Hyungbong Choi gelingt es, der Figur des Kolumbus [...] markantes Profil zu geben. Glänzend die Teufel-Darstellung des in fließender Erscheinung agierenden Tenors Daniel Jenz.«


opernwelt

»Lübecks Theater landete mit Darius Milhauds multimedialem Mysterienspektakel ›Christophe Colomb‹ einen spektakulären Premierenerfolg. [...] Dass Lübeck nun dieser gewaltigen Herausforderung mit geschickten Abstraktionen und konziser dramaturgischer Zuspitzung eindrucksvoll zu begegnen wußte, verdient Respekt, Anerkennung und Bewunderung! [...] Was er [Darius Milhaud] damals bereits verlangte, war der Einsatz von Filmszenen und visuellen Überblendungen, die in Lübeck von Regisseur Milo Pablo Momm und seinem vielköpfigen Produktionsteam virtuos gestaltet und eingesetzt wurden. [...] Musikalisch gelang es Dirigent Andreas Wolf und seinem Riesenensemble, der polytonalen Musiksprache Milhauds Prägnanz und klangliche Opulenz zu verleihen, wobei sich die Philharmoniker auch in grellen Passagen erfreulich sängerfreundlich zurückhielten. Der expressionistische agierende Chor hatte vokale wie darstellerische Wucht und Gefährlichkeit, rhythmische Impulse und Effekte waren bei der Percussions-Formation des Orchesters bestens aufgehoben. Primus inter pares Johan Hyunbong Choi in der Titelpartie: stimmgewaltig, darstellerisch präsent, agil und glaubhaft als getriebener, zu Lebzeiten letztlich gescheiterter Welteneroberer.«


Kieler Nachrichten

»Es sind dichte, starke Momente, wenn sich in Jessica Nupens eindringlicher Choreografie der Chor ganz in Schwarz gekleidet, mit Zylindern und Masken wie eine zähe, anonyme, alles verschlingende Masse über die Bühne ergießt. [...] Herausragend singt Daniel Jenz, der als abgewrackter Horror-Clown mit Halbglatze gleich mehrere Rollen verkörpert. Da sitzt jeder gereizte hohe Ton, jedes diabolische Lachen und jede dramatische Geste mit Monsterhänden. [...] Die Philharmoniker unter Andreas Wolf meistern die turbulente Sammlung verschiedenster Musikstile und Genres. Es trillert, rauscht und brodelt. [...] Langweilig ist es keine Sekunde und man verfolgt neugierig die rätselhaften Bilder und Anspielungen. [...] Das Lübecker Theater hat mit diesem ambitionierten, politischen Projekt allerdings wieder einmal gezeigt, dass es bei den großen Bühnen mitspielen will und kann.«


NDR Kultur

»Diskussionen und Verhandlungen um geraubte Kunstschätze und menschliche Überreste bestimmen das Tagesgeschäft vieler europäischer und US-amerikanischer Sammlungen und Museen, und sie sind bitter nötig. Ebenso notwendig ist auch eine angemessene künstlerische Auseinandersetzung und die bietet das Theater Lübeck - nein, nicht eigentlich mit Darius Milhauds Oper ›Christophe Colomb‹ von 1928, sondern mit ihrer Inszenierung durch Milo Pablo Momm. [...] Momms Inszenierung ist von vornherein kritisch bzw. ironisch gebrochen angelegt, wie der bewusst überdrehte Vortrag des Sprechers (Merthen Schroedter) unterstreicht [...]. Die Farbigkeit ist stark reduziert, sowohl im Bühnenbild als auch in den Kostümen und so wirken die wenigen farbigen Gewänder, Requisiten oder auch während der Vorstellung auf die Kulissen gemalten Beschriftungen um so stärker. Das ist zwar nicht neu, aber optisch bezwingend und lenkt die Konzentration auf die wesentlichen Aspekte. [...] Das Orchester unter der Leitung von Andreas Wolf erfüllte das Theater mit Milhauds durchaus nicht einfach zu spielender Musik so kraftvoll und mitreißend [...]. Evmorfia Metaxaki, ebenfalls eine bewährte Lokalmatadorin, hatte es als Isabella einfacher, weil ihre Passagen musikalisch sich mehr auf die Sopranistin konzentrieren; sie ist aber auch einfach stimmlich zuverlässig und als Königin glaubhaft strahlend. Am überzeugendsten sowohl vom Gesang her als auch schauspielerisch war der Tenor Daniel Jenz als Teufel mit seinen verschiedenen Unterrollen. Den könnte man sich auch gut als Loge vorstellen. Der Chor (und Extrachor) des Lübecker Theaters hatte den wohl dankbarsten Part, da das Werk stark chorlastig ausgerichtet ist. [...] Gesang und Ausdruck waren exakt und stark, was angesichts der intensiven und aufeinander abgestimmten Bewegungen große Herausforderungen an die Mitwirkenden stellte und die Musik mit einer fast filmischen Dynamik intensivierte. [...] Über eine ästhetisch höchst anspruchsvolle Bildproduktion hinaus schreit das Rot von der Bühne.«


Der Opernfreund

»Zu komplex, zu diffizil, zu provokant? Wie man eine harte Opern-Nuss knackt ist jetzt am Theater Lübeck zu besichtigen. [...] Momm hat [...] ein Gesamtkunstwerk geschaffen, dessen Premiere vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. [...] Momms Inszenierung startet mit einem filmischen Ausrufezeichen: Ein Schwarz-Weiß-Film führt hinaus aus dem Theater durch Lübeck in die Völkerkundesammlung mit Schätzen powered by Columbus; die Geschichte ist gegenwärtig. Dann wird das erste von 26 Kapiteln aufgeschlagen und der Zuschauer in opulente, gelegentlich überbordende Bilder- und Tonfluten getaucht. [...] Die Anforderungen an das singende Personal sind enorm. Johan Hyunbong Choi überzeugt als umtriebiger jüngerer Columbus, Gerard Quinn als der gealterte. Evmorfia Metaxaki geht als Isabella sicher durch die Fallstricke schwieriger Höhen. Herausragend ist Daniel Jenz in der Rolle des Teufels. Die Hauptrolle spielt und singt der von Jan-Michael Krüger einstudierte 47-köpfige Chor, dessen Mitglieder verhüllt als gesichtslose Masse agieren.«


shz

»Die Inszenierung des Mainzer Tänzers und Regisseurs Milo Pablo Momm nutzt den Originaltext der Uraufführung von Rudolph Stephan Hoffmann. Dazu kommt ein gestandenes Triumvirat aus zwei Kunsthistorikerinnen und einem Ethnologen, die die Inszenierung wissenschaftlich beraten haben - und damit auch die Richtung vorgegeben, aus dem das Opus Magnum heute zu lesen sei. [...] Musikalisch ist das mächtige Unterfangen ohnehin geglückt, Andreas Wolf ist, wie der regelmäßige Opernbesucher in Lübeck weiß, ein begnadeter Bühnendirigent, sattelfest in vielerlei Stilen. Auch die musikalische Machtdemonstration Milhauds versteht er gekonnt auszubalancieren. Haus-Bariton Johan Hyunbong Choi schlägt sich wacker und stabil in der Titelrolle, und Daniel Jenz, der einst in Lübeck zu einem großartigen Spieltenor reifte (inzwischen ist er in Kassel tätig), darf als Gast in einer Art komprimierter Rolle als stets verneinender Geist mit Nosferatu-Fingern ein paar eindrucksvolle Register ziehen. Lokalstar Evmorfia Metaxaki [...] beschenkt [...] das Publikum [...] mit ein paar hinreißenden Phrasierungen [...].«


Die Deutsche Bühne

»Gewaltiger Aufwand für ein Opernprojekt. [...] Seither [Uraufführung 1930] wurde das komplexe Werk selten einstudiert. Lübeck ging unter der Regie von Milo Pablo Momm das Wagnis ein. Bei der Premiere am Sonnabend gab es lang anhaltenden Schlussapplaus. [...] Beeindruckend und gut ausgedacht ist das Bühnenbild von Erika Hoppe. [...] Großes mussten die Solisten leisten. Johan Hyunbong Choi ist ein kraftvoller Titelheld, Gerard Quinn sein alt gewordenes Spiegelbild. Evmorfia Metaxaki als Königin wird in höchste Höhen geführt. Daniel Jenz schlägt sich hervorragend in mehreren Rollen. Andreas Wolf entfacht mit den Philharmonikern immer wieder mitreißende Klangbilder.«


HL-live

»Den großen Chor (Einstudierung: Jan-Michael Krüger) lässt Regisseur Momm als schwarz gekleidete maskierte Masse agieren, was immer wieder für starke und teils verstörende Bilder sorgt, wofür auch die eindrucksvollen Kostüme von Sebastian Helminger sorgen. [...] Dabei schlug sich vor allem das ehemalige Lübecker Ensemblemitglied Daniel Jenz ganz ausgezeichnet. Sein Tenor hat an Fülle und Wohlklang gewonnen, darstellerisch bot er unter anderem als Teufel eine herausragende Leistung. Sicher gestaltete Johan Hyunbong Choi die Mammutpartie des Kolumbus, allein die konditionellen Anforderungen dieser Rolle zu erfüllen, ist aller Ehren wert. Gerard Quinn als alter Kolumbus beeindruckte durch seine Darstellung wie durch seine sicher geführte Stimme. Evmorfia Metaxaki als Königin Isabella sang bis in die höchsten Höhen klangschön und intonationssicher.«


Lübecker Nachrichten

»Eine umjubelte Premiere erlebte daher Milhauds Urversion, Libretto Paul Claudel. [...] Die Philharmoniker spielen in Hochform, und Andreas Wolf am Pult steuert das Spektakel mit flexiblem Chor famos. [...] Daniel Jenz‘ Tenor glänzt in Mehrfachrollen, Johan Hyunbong Choi ist ein markiger Columbus, Gerard Quinn sein Alter Ego. Als Königin Isabella brilliert Evmorfia Metaxaki in allen Registern ihres schönen Soprans. Ein vielschichtiger Abend.«


Lübeckische Blätter

»Und der Chor, souverän geleitet von Jan-Michael Krüger, war auch eines der optisch wichtigsten Elemente für die Atmosphäre und für die teilweise verzaubernden Bilder. Ganz in schwarz [...] trat der Chor in verschiedenen, von Jessica Nupen sehr gut organisierten Choreographien auf. Sebastian Helminger hatte Chor und Ensemble mit den überzeugenden Kostümen ausgestattet. Es wogte und floss, schwappte durch Parketttüren hinein, wurde gebremst, aufgehalten oder beschleunigt. Wunderbare Bilder entstanden so auf der Bühne. [...] Die Bühnenbilder sind in den Lübecker Operninszenierungen [...] immer sehr wirkmächtig. Auch in Christophe Colomb sind Erika Hoppe wieder großartige Bilder gelungen. [...] Und das Ende war ebenso bombastisch. Christophe Colombe als gekreuzigter Fast-Jesus Christus, hochgezogen hinter Chor und Solisten.«


Offener Kanal Lübeck