Die Gespenstersonate
Foto: Olaf Malzahn

Musiktheater

Die Gespenster sonate

Piktogramm

Kammeroper von Aribert Reimann (*1936)
Libretto von Uwe Schendel (1953‑1994)
Nach dem gleichnamigen Schauspiel von August Strindberg (1849‑1912)

Uraufführung 1984 in Berlin

Lübecker Erstaufführung

In deutscher Sprache mit Übertiteln

Premiere 21/05/21 | Großes Haus
Premiere + 23/05/21 | Großes Haus

Inhalt

»Mich überkommt zuweilen ein rasendes Verlangen, alles zu sagen, was ich denke, aber ich weiß, dass die Welt einstürzen würde, wenn man wirklich aufrichtig wäre.«

Wie würde wohl der Blockbuster »Und täglich grüßt das Murmeltier« als expressionistischer, als absurder Film aussehen? Und wie würde sich die Filmmusik dazu anhören? Aribert Reimann weiß es. Zugleich fragt man sich, wie wohl Filme wie »Shining«, »Psycho« oder »Das Schweigen der Lämmer« ausgesehen hätten, wenn die Protagonisten ohne Sprache hätten auskommen müssen. Wenn nur die Filmmusik zum Verständnis des Unverständlichen hätte beitragen können. Aribert Reimann weiß es.

In der »Gespenstersonate« nach August Strindbergs gleichnamigen Schauspiel steht die Sprachlosigkeit im Vordergrund: Eine morbide Gesellschaft kommt seit vielen Jahren zum Essen zusammen. Der Ablauf ist immer derselbe. Schweigend vollführt man die immer selben Rituale. Eines Tages wird alles anders, als einer versucht, die Verwirrung aller zu entwirren – und doch ist alles zu verworren, um es zu entwirren. Auch das Okkulte und Mystische steht in der »Gespenstersonate« im Vordergrund. Die Welt wird nicht mehr nach den Prinzipien von Kausalität und Logik abgebildet, sondern folgt einer höheren, metaphysischen Logik. In ihr walten Mächte, die wirklicher erscheinen, als die Mächte dieser Welt. Die Sprachlosigkeit der Teilnehmer des Gespenstersoupers sind dafür eindrückliche Symbole. Dort, wo das Schweigen, die Sprachlosigkeit einsetzt, kommt die Ausdrucksmöglichkeit der Musik voll zur Geltung.

Nach Kafka ist Kunst und sind Bücher nicht dazu da, uns glücklich zu machen. Im Gegenteil glaubte er, dass »ein Buch die Axt sein muss für das gefrorene Meer in uns.« Strindbergs und Reimanns »Gespenstersonate « ist ohne Zweifel eine Axt dieser Art.

»Mich überkommt zuweilen ein rasendes Verlangen, alles zu sagen, was ich denke, aber ich weiß, dass die Welt einstürzen würde, wenn man wirklich aufrichtig wäre.« (Der Student) Ich glaube in der Kunst kann und muss man diesem Verlangen nachgeben und alles sagen und dabei aufrichtig und schonungslos sein. Sonst stürzt die Welt in ein gefrorenes Meer. (Julian Pölsler)

Besetzung

Musikalische Leitung Andreas Wolf
Inszenierung Julian Pölsler
Ausstattung Roy Spahn
Licht Falk Hampel


Der Alte, Direktor Hummel Otto Katzameier
Der Student Arkenholz Yoonki Baek
Der Oberst Wolfgang Schwaninger
Die Mumie Karin Goltz, Iris Meyer
Das Fräulein Andrea Stadel
Johansson Daniel Schliewa
Bengtsson Steffen Kubach
Die dunkle Dame Milena Juhl
Die Köchin Julia Grote


Statisterie des Theater Lübeck

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck



Dauer ca. 1 Stunde, 30 Minuten (keine Pause)

Pressestimmen

»Aribert Reimanns Meisterwerk des Kammermusiktheaters zieht uns dank der Regie von Julian Pölsler, der Musikalischen Leitung von Andreas Wolf und einem gefeierten Sängerensemble vollends in den Bann des Surrealen. (…) Das Setting der drei Bilder (…) erzeugt sogleich die Spannung eines schwarz-weißen Horrorstreifens von Hitchcock und entwickelt über die 90 pausenlosen Minuten eine stets gesteigerte Sogkraft, in der uns das Surreale und das Verhüllende, das Okkulte und das Verdrängte in seinen Bann ziehen. (…) Dank der enorm kundigen Reimann-Exegese von Andreas Wolf entsteht eine maximale Plastizität des Ausdrucks, die das Sängerensemble wie das Orchester gleichermaßen präzise akzentuieren. Die Präsenz der vokalen wie instrumentalen Stimmen im Jugendstilschmuckkästchens nahe der Trave ist in der nun endlich wieder möglichen Live-Aufführung mit begrenztem getestetem Publikum im Saal ein Erlebnis voller Magie. So soll Musiktheater sein.« 


concerti

»Der Dirigent Andreas Wolf hat mit den ja coronakonform und partiturgerecht extrem klein besetzten, ganz hervorragend einstudierten Philharmonikern einen in der Spannung nie nachlassenden Strom der Soli erarbeitet, (…) die direkt aus der Psyche der Personen hervorzukriechen scheinen. Aus diesem bedrohlich unterbewussten Tonpilzgeflecht schießen die Gesangspartien des ohne jede Ausnahme optimal besetzten Ensembles in giftigen Farben hervor.«


Kieler Nachrichten

»Eindrucksvolle Premiere im Theater Lübeck (…) Der Bassbariton Otto Katzameier sang die Rolle des Direktoren in einer unter die Haut gehenden Intensität, die sein kraftvolles Spiel noch potenzierte. Yoonki Baek setzte sich mit schrankenloser Energie für den Tenorpart des Studenten ein, den als anspruchsvoll zu bezeichnen eine unverschämte Beschönigung wäre. (…) Die individuelle Darstellung jeder einzelnen Figur und Stimme ist dem Ensemble (…) durchweg hervorragend gelungen!« 


Lübecker Nachrichten

Julian Pölsler zusammen mit seinem Ausstatter Roy Spahn nimmt sich der skurrilen Charaktere und Handlung in einer Gratwanderung zwischen bitterböser Dramatik und krasser Komik an. (…) Katzameier meistert diesen bedrückenden Part (…) mit Dämonie und klug austarierter stimmlicher Präsenz. Das bei Reimann so bedeutsame Wechselspiel zwischen hochexpressiver Gesangsmelodie und Sprechgesang gelingt grandios. (…) Yoonki Baek und Andrea Stadel geben eindrucksvoll das junge Paar (…). Wolfgang Schwaninger als Der Oberst erschüttert stimmlich und darstellerisch (…). Die Mumie von Karin Goltz vermittelt schließlich wirkmächtig Anklage und Zerstörung des Verbrechers Hummels. Daniel Schliewa als junger Diener Johansson und Steffen Kubach als erfahrener Diener Bengtsson geben wirkungsvoll und überzeugend die kommentierenden Angestellten des Geisterhauses. Milena Juhl gibt Die dunkle Dame und Julia Grote besticht mit einem hinreißend skurrilen Auftritt als Die Köchin des Gespensterhauses. (…) Wolf stellt über die gesamte Vorstellung eine exzellente Balance zwischen den hochengagierten Orchestermusikern und den Sängern mit all ihren intrikaten Aufgaben sicher.« 


O-Ton / Opera-Online

»Grandios fies und ungemein bühnenpräsent auch im Rollstuhl wird er (Direktor Hummel/Der Alte) von Otto Katzameier gegeben. (…) Dessen Gattin schleicht wie eine lebende Tote mumienhaft durch ihr moderndes Sein; Karin Goltz verkörpert seelentief ihr dunkles, aber nach Wahrheit suchendes Wesen. (…) Star des Abends ist Yoonki Baek als metaphysisch begabter Student Arkenholz (…) Die Rolle ist gnadenlos anspruchsvoll, aber auch die extremen Höhen, für die man eher eine Altus-Kopfstimme wählen würde, meistert Baek ohne Anstrengung und jegliches Quetschen.« 


Der Opernfreund

»Alles zaubern die Musiker der Lübecker Philharmoniker sehr konzentriert und einsatzfreudig. (…) Hauptperson ist ein Student und Sonntagskind mit dem Namen Arkenholz. (…) Die Zerrissenheit seiner Existenz findet sich in seinem musikalischen Part wieder mit bizarren melodischen Linien in extremen Lagen. Yoonki Baek (…) hält das stimmlich bewundernswert durch. (…) Für Otto Katzameier ist (der Alte, Direktor Hummel) ein Part, bei dem er sich grandios einsetzen kann. (…) Grandios erfunden ist die zentrale Frauenfigur. Grotesk und gleich mehrdimensional tritt sie auf. Zum einen beherrscht sie das Haus als Oberst-Gattin. (…) Die Altistin Karin Goltz gibt ihr die nötige Kraft. (…) Eine weitere Erscheinungsform hat sie als Statue im Salon. (…) Beim Gespenstersouper tritt sie in dritter Verwandlung in einem weißen Kleid auf, optisch und stimmlich wie ein zwitschernder Papagei. Das ist ein zugleich komischer und musikalisch höchst virtuoser Auftritt von Iris Meyer. Die bedeutsamste Frauengestalt allerdings ist das Fräulein. (…) Andrea Stadel hat mit dieser Figur eine wundervolle Aufgabe, die sie bei aller Brüchigkeit berührend meistert. (…) Diese ›Gespenstersonate‹ ist so verwirrend wie berührend und eine ungewöhnlich starke Leistung eines kleinen Theaters. Langer Beifall dankte.« 


unser Lübeck

»Die Inszenierung von Julian Pölsler zeigt in Kombination mit der gespenstischen Ausstattung von Roy Spahn, dass auch ein musikalisch wie inhaltlich diffiziles Werk den direkten Weg zum Publikum finden kann. (…) Die verrottenden Seelen hat Reimann in entlarvende Klänge gepackt, die das Philharmonische Orchester unter Leitung von Andreas Wolf hervorholt, das Regie-Team in Bilder umsetzt. Wie durch Geisterhand entsteht eine akustisch-optische Einheit, in der man das süße Gift der Lebenslüge zu riechen glaubt. Das Publikum ist begeistert.« 


shz