Drei Schwestern
Foto: Kerstin Schomburg

Schauspiel

Drei Schwestern

Piktogramm

von Anton Tschechow
Deutsch von Elina Finkel

Wiederaufnahme 19/09/19 | Kammerspiele

Inhalt

»Wovon werden wir, kaum haben wir angefangen zu leben, so langweilig, blass, flach, faul, nutzlos, gleichgültig, unglücklich ...«

Wie wird das Leben in zwei- oder dreihundert Jahren sein, wenn wir nicht mehr da sind? Erschaffen wir gerade ein neues und glückliches Leben für die Zukünftigen, arbeiten und leiden wir dafür?

Olga, Mascha und Irina erwarten Glück und Sinn schon für sich selbst. Zwar sind sie hochgebildet, leben in einer beneidenswert schönen Wohnung und sie feiern, doch langweilen sie sich. Seit dem Tod des Vaters stecken sie fest in der Provinz, die drei Schwestern setzen ihre Hoffnung auf den Ort ihrer unbeschwerten Kindheit: Moskau. Nach Moskau! Ihr Bruder Andrej werde als Professor an der Universität Karriere machen und sie zurück nach Moskau bringen, wo sie glücklich waren und sein werden. Mehr lesen

Zwischen Vergangenheit und Zukunft schwirren die Gedanken und Reden der Geschwister und ihrer Gesellschaft. Doch Andrej hat aus Langeweile Fett angesetzt und das Erbe der Geschwister verspielt, zudem heiratet er ein kleinbürgerliches Mädchen. Natascha wird von den drei Schwestern herablassend behandelt, doch sie lässt sich nicht einschüchtern und übernimmt langsam die Macht im Haus.

Sie etabliert eine neue Ordnung, die wenig mit dem schwärmerischen Arbeitsbegriff der kultivierten Schwestern gemein hat, die Sinnfrage scheint sie nicht zu quälen. Pragmatisch setzt sie sich über Zartgefühl und Zerstreuung hinweg – während die privilegierten Kulturmenschen philosophieren, nimmt sie sich, was sie will. Im dritten Akt bricht ein Feuer aus, es vernichtet das halbe Städtchen und im Chaos erkennen die Geschwister ihre Träumerei: Moskau liegt unendlich fern.

Und doch bleibt eine Sehnsucht nach Liebe und einem sinnerfüllten Leben – in Zukunft. »Ich habe doch ein heiteres Stück geschrieben«, notiert Anton Tschechow zu seinem Drama, das Lily Sykes nach Shakespeares Komödie »Der Widerspenstigen Zähmung« am Theater Lübeck inszenieren wird. Weniger anzeigen

Besetzung

Inszenierung Lily Sykes
Bühne Lena Schmid
Musik Jan Schöwer
Licht Georg Marburg
Dramaturgie Anja Sackarendt


Mascha Agnes Mann
Irina, seine Schwestern Sophie Pfennigstorf
Andrej Sergejewitsch Prosorow Vincenz Türpe
Natalja Iwanowna (Natascha), seine Braut, später seine Frau Rachel Behringer
Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Baron, Oberleutnant Will Workman
Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann Jan Byl
Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant, Batteriechef Matthias Hermann
Wassili Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann Jan Schöwer
Anfissa Karin Nennemann
Ferapont Sven Simon
Drei kleine Schwestern Kinderstatisterie


Dauer ca. 2 Stunden, 40 Minuten (eine Pause)

Pressestimmen

»Funkelnde Bühnenkunst [...]. Das Drama fordert sein Regieteam und sein Personal. Man braucht Humor, um die Tristesse auf die Bühne zu bringen. Lily Sykes hat sich das Stück in Lübeck vorgenommen. Zu sehen sind grandiose Darsteller in einer starken Regiearbeit. [...] Es ist ein von einer Pause durchbrochenes dreistündiges Mirakel, das sich in den Kammerspielen entfaltet. [...] Den drei Schwestern gelingt es, bei aller Einigkeit in der Tristesse, höchst unterschiedliche Charaktere herauszuarbeiten. Rachel Behringer hält ihre Verwandlung vom tumben Landei in einen despotischen Hausdrachen dagegen. Starke und erfrischend komödiantische Szenen liefert das alternde (und zum Glück auch von reifen Herrschaften dargestellte) Bediensteten-Paar. Apropos Komik: Lily Sykes scheut nicht vor slapstickähnlichen Eingriffen zurück. Das bekommt dem Drama gut, verdichtet es.«


shz

»Was man in Lübeck zu sehen bekommt, [...] ist ein absurdes Kabinett mit Figuren, deren Handeln demonstrativ ins Nichts läuft, die sich im Dialog darin überbieten, aneinander vorbei zu reden oder über nichts zu philosophieren. Unterhaltsam serviert Lily Sykes das, mit großem Geschick für zugespitzte Dialoge in komischen, manchmal slapstickartigen Szenen. [...] Das Stück hat durchweg ein hohes Tempo, ist sehr quirlig inszeniert, begünstigt durch Lena Schmids durchsichtiges Gebilde auf der Drehbühne. [...] der kräftige Applaus [war] gerechtfertigt. Die Inszenierung und die Schauspieler hielten die Spannung.«


unser Lübeck

»Wir begleiten die Figuren, alle erfrischend ungekünstelt und berührend gespielt, in ihrem Mikrokosmos, und pendeln mit Ihnen von einer Seelenqual zur nachfolgenden Selbsttäuschung und wieder zurück. [...] Die Enge der äußerlich so gesicherten Existenz wird von Beginn an durch das Bühnenbild widergespiegelt [...]. Beständig wechseln die Handelnden zwischen ihnen wie in einem eng verwobenen Geflecht, das sich zudem um seine Achse dreht. Wir spüren fast körperlich die Ausweglosigkeit des gesicherten Daseins ohne Mission. [...] Das berührt etwas in uns. [...] Es war grandioses und berührendes Theater!«


Offener Kanal Lübeck

»Das Bühnenbild von Lena Schmid überzeugt. Die Kostüme sind auch gelungen: Unaufdringlich begleitet Ines Koehler-Klünenberg die Figuren durch sich fein wandelnde Kleidungsstile von 1900 bis ins Heute und versinnbildlicht die Übertragbarkeit des Stoffes ins digitale Zeitalter, wo Menschen wieder einmal abgehängt werden und der alten Zeit nachtrauern. [...] Lily Sykes erzählt das Stück aus der Perspektive der zwei alten Dienstboten Anfissa und Ferapont: Karin Nennemann als Dienerin und Sven Simon als Faktotum sind großartig. Auch der Einfall, den drei erwachsenen Schwestern drei kleine Schwestern (Aimée Gering, Frieda Maetzel und Talia Cakmak) an die Seite zu stellen, die die verlorene Vergangenheit aus Kinderzeiten symbolisieren, geht auf.«


Lübecker Nachrichten

»Das Publikum war tief beeindruckt. [...] Bei ihr [Lily Sykes] gibt es wunderbar ausschwingende ruhige Szenen. Aber da tropft nicht dauernd Todessehnsucht aus den Birken, die die Szene in der Ausstattung von Lena Schmid umgeben. ›Action‹ ist angesagt. [...] Sehr gut kommen die unterschiedlichen Charaktere der Schwestern heraus. Olga, die Älteste (Astrid Färber), lässt sich zwar von der Pflicht leiten, würde aber schließlich jeden heiraten, um nicht in Einsamkeit zu verblühen. Mascha, die Mittlere (Agnes Mann), wird zwar heiß geliebt, ist dieser Liebe überdrüssig und lässt sich auf einen Seitensprung ein. Irina, das Geburtstagskind (Sophie Pfennigstorf), willigt in eine Ehe ein, ›aber Liebe, Liebe ist nicht da!‹ [...] Jan Byl gibt sehr stimmig den eingefleischten Gymnasiallehrer [...]. Es gab herzlichen Applaus.«


HL-live

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