Schauspiel

HEDDA
oder der ewige Tanz um den Maulbeer­baum

von Henrik Ibsen

Ibsen-Intervention von Antje Rávik Strubel
Aus dem Norwegischen von Heiner Gimmler
Bearbeitung von Mirja Biel

Mit der Uraufführung 1891 sprengte Hedda Gabler das ihr vorbestimmte Korsett. Wie emanzipiert ist sie wirklich? War Henrik Ibsen seiner Zeit und noch dazu als Autor voraus? Und heute – wie leben und lieben angesichts von Gender-Pay-Gap und Selbstoptimierung?

Hedda, Tochter des Generals Gabler, begehrt und ungestüm, spielt mit den Pistolen ihres Vaters und übt auf ihr Umfeld Macht aus. Zugleich entscheidet sie sich für eine Vernunftehe mit dem Soziologen Dr. Jørgen Tesman, der eine Professur anvisiert, als sie schwanger mit ihm von der Hochzeitsreise in die neueingerichtete Villa zurückkehrt. Allein Heddas Jugendfreund Ejlert Løvborg, einst ihr Mittelsmann zur Halbwelt und dem Alkohol verfallen, nun gefeierter Autor eines sozialwissenschaftlichen Bandes, durchkreuzt als Tesmans Konkurrent Heddas Lebensplan. Ihm zur Seite steht Thea Elvsted, die ihren älteren Gatten und dessen Kinder verlassen hat, um Løvborg bei seinem Werk zu unterstützen. Beide eint ihr geistiges »Kind«, das Heddas Ungeborenem samt Mutterpflichten entgegensteht. Der Freigeist Hedda sieht sich durch diese intellektuell-libidinös aufgeladene Verbindung gefährdet und lädt die Pistolen: Sie stürzt Løvborg in den Suizid und verbrennt sein Manuskript. Den Skandal erahnend und von Richter Brack als Mitwisser zur Liaison erpresst, greift auch Hedda zur Pistole.

Hedda und Thea agieren als Gegenspielerinnen um Løvborg – zwei Lebenskonzepte inmitten patriarchaler Strukturen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Thea Elvsted, zumeist als femme fragile verstanden, gilt es, 2022 eine schärfere Kontur zu verleihen. Nach Heinrich Manns »Der Untertan« unterzieht Mirja Biel auch Ibsens Klassiker einer Neubefragung anhand der dichotomen Geschlechtsidentität, unterstützt von Antje Rávik Strubel. Die Autorin und Übersetzerin Joan Didions und Virginia Woolfs wurde 2021 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Besetzung

Inszenierung & Bühne Mirja Biel
Ausstattungsassistenz Rebecca Abdelkader
Kostüme Britta Leonhardt
Licht Daniel Thulke
Musik & Komposition Peter Thiessen
Dramaturgie Degna Martens
Hedda Gabler Rachel Behringer
Thea Elvsted Lilly Gropper
Jørgen Tesman Jan Byl
Ejlert Løvborg Heiner Kock
Prof. Brack Michael Fuchs
 HEDDA
Foto: Kerstin Schomburg
Wiederaufnahme 01/10/22 · Kammerspiele

Dauer: ca. 1 Stunde, 40 Minuten (keine Pause)

Pressestimmen

»Frauen sind es, die hier jede auf ihre Art die Fäden ziehen und die ebenfalls von Biel minimalistisch in schwarz gestaltete Bühne dominieren. Biels rasante Fassung von Ibsens Text, der dadurch jedoch seine sprachliche Schönheit nicht verliert, bekommt zum Schluss eine ganz neue Richtung und wird durch die eigens geschriebene ›Ibsen-Intervention‹ der Autorin Antje Ràvik Strubel, die 2021 den Deutschen Buchpreis erhielt, ergänzt. […] Atmosphärisch dicht wird der Abend auch durch die Musik von Peter Thiessen, Frontman der Band Kante, sowie Videoeinspieler, die die Figuren noch vielschichtiger erscheinen lassen. […] Biel [ist] insgesamt ein kurzweiliger Abend mit einem wunderbaren Text, überzeugenden Darstellern und großer Aktualität gelungen. Am Ende gab es viel Applaus […].«

Lübecker Nachrichten

»Die Sache mit dem Bordell und Frau Heddas Abschied sind in Lübeck […] ersetzt durch die ›Intervention‹ der renommierten Schriftstellerin Antje Rávik Strubel […]. Rávik Strubel nutzt die bei Ibsen angelegte Jugendfreundschaft der beiden Frauen, um daraus eine Art Verschwörung für die Gegenwart zu stricken […]. […] Thea agitiert als mutig voran strebende Feministin, fest entschlossen zum Ausbruch aus allen Zwängen im von Männern dominierten Wissenschafts-Business, […] während Hedda zwar verführerischer ist denn je, aber auch ziemlich fatalistisch übers Sterben philosophiert […].«

nachtkritik

»Mit dem Rücken zum Publikum steht Behringer da, in weißem Cowboyhut und -stiefeln. […] Ejlert, das ist ihr Gegenspieler, nicht Jørgen Tesman, jener Pantoffelheld, den sie aus Bequemlichkeit geheiratet hat. […] Plötzlich steht dieser [Ejlert] in dem reduzierten Raum, den Mirja Biel für ihre Inszenierung am Theater Lübeck entworfen hat. […] Am Ende gewinnt Hedda, indem sie ihm den Revolver zum Selbstmord reicht. Sie hat die Waffe(n), hat ›Macht über einen Menschen, – ein einziges Mal!‹ Mirja Biel erzählt nicht Ibsen pur […]. Das Gerüst des Dramas lässt die Autorin [Antje Rávik Strubel] stehen, das Ende (natürlich) nicht. Hedda schmort auch in Strubels ›Intervention‹ in der Langeweile ihres Lebens. Emanzipierter, rock-göhriger und selbstzerstörerischer ist sie schon […].«

taz Nord

»Es ist eine starke Thea, die sich der laut verzweifelnden Hedda gegenüber und an die Seite stellt. Vermeintliche Rivalinnen sind Schicksalsschwestern. So kommt ein rund 130 Jahre altes Stück in die Gegenwart. […] Statt [einer] mutmaßlich männlichen Lösung zur Beseitigung ungezogenen Dramenpersonals tauschen sich Hedda und Thea innig verbunden über Ibsen aus. Ein guter Schluss […].«

shz

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