Quartett
Foto: Falk von Traubenberg

Schauspiel

Quartett

Piktogramm

von Heiner Müller

Wiederaufnahme 12/10/19 | Junges Studio

Inhalt

»Was soll mir ein Wild ohne die Wollust der Hetze.«

Liebe und Hass, Leidenschaft und Laster, Tod und Teufel – Heiner Müller zeichnet in seiner Bearbeitung von Choderlos de Laclos’ Briefroman »Gefährliche Liebschaften« ein geistreich-gewitztes, sprachgewaltiges, gleichzeitig bösartiges wie überaus komisches Spiel um die Vorherrschaft in der »Liebe«, einen perfiden Kampf der Geschlechter. Müller hat die Vorlage zugespitzt auf die diabolischen Protagonisten: die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont. Für die beiden ist Liebe nur ein Sekret, der Körper eine Maschine, die erotische Eroberung ein zu erlegendes Wild und die Gefühle des Partners eine Klaviatur von Möglichkeiten, derer man sich bedienen kann. Mit geschliffenen Dialogen und ohne Rücksicht auf die verhängnisvollen Folgen liefern sich die beiden einen gnadenlosen Fight. Ihre Verführungskünste spielen sie mit großem Genuss an der Grausamkeit und eiskaltem Zynismus an »unschuldigen Opfern« durch. Im lustvollen Rollentausch – so schlüpft Merteuil etwa in die Rolle des männlichen Verführers und Valmont nimmt die Rolle der stolzen und tugendsamen Madame de Tourvel ein – kokettieren sie auch mit Geschlechterklischees. Wie Madame de Tourvel, so fällt auch die blutjunge Volange dem Charme Valmonts anheim. Doch was ist Realität und was Fiktion? Und was verbirgt sich hinter dem grausamen Spiel? In Heiner Müllers vielschichtigem Text versteckt sich hinter jeder Bedeutung eine andere – und was kann man diesen abgefeimten Meistern der Verstellung schon glauben? Oder scheint hinter der Kälte der Wortkaskaden etwa doch eine heiße Hassliebe durch? Unter der Maske der höfischen Etikette sieht man in Merteuil und Valmont zwei Raubtiere, die sich am Abgrund der Apokalypse in einem Totentanz umkreisen. Mehr lesen

Heiner Müller siedelt sein faszinierendes Endspiel in einem Salon vor der Französischen Revolution oder in einem Bunker nach dem dritten Weltkrieg an. Mit spitzer Feder hat er damit nicht nur ein Pas de deux der Liebesintrigen geschrieben, er enthüllt auch die Abgründe der menschlichen Seele und zeigt uns eine existenzielle Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau, eine Art Endzeitkampf mit allen Mitteln und Waffen, einen Danse macabre. Weniger anzeigen

Besetzung

Inszenierung Friederike Harmstorf
Ausstattung Sammy Van den Heuvel
Dramaturgie Katrin Aissen
Licht Finn Heine


Merteuil Susanne Höhne
Valmont Michael Fuchs


Dauer ca. 1 Stunde (keine Pause)

Pressestimmen

»Susanne Höhne und Michael Fuchs stecken in hellen Monturen und umschleichen einander barfuß wie Tänzer. Oder wie Kämpfer auf der Matte. Denn auf die Beschreibung eines Kampfes läuft es hinaus. [...] So entwickelt sich ein Dialog um Sex und Macht, um Sehnsucht, Angst, Tod und Leere. Und das auf hohem Niveau. Es ist eine fortgeschrittene Auseinandersetzung grundsätzlicher Natur. [...] Susanne Höhne spielt die Marquise mit einer ausgesuchten Kühle und Boshaftigkeit [...]. Michael Fuchs steht ihr in seinem schonungslosen Blick in nichts nach. [...] Aber sie bleiben nicht bei ihren Rollen, sondern spielen auch noch die zwei tugendhaften Figuren, die der Vicomte ihrer Tugendhaftigkeit berauben soll. Da verschwimmen die Identitäten und Geschlechter [...].«


Lübecker Nachrichten

»Die Welt des Lasters ist cremeweiß. Hose, Bluse, Mieder - nahezu gleich kostümiert folgen Merteuil und Valmont einer Art höfischem Zeremoniell, wenn sie den Raum abschreiten. [...] Die beiden verbindet die leidenschaftliche Lust, den jeweils anderen zu stimulieren, zu frustrieren und verbal zu metzeln. Und weil die Lust auf dunklen Wegen unterwegs ist, weil die Affäre, die man mal miteinander hatte, noch nicht ad Acta gelegt ist, berichtet einer dem anderen sadistisch detailliert vom jüngsten Beutemachen beziehungsweise der emotionalen Unberührbarkeit. Heiner Müller lässt die Schauspieler die Rollen wechseln. Valmont spricht Merteuil und umgekehrt. In Lübeck ist es eine Lust, Susanne Höhne und Michael Fuchs bei einer verblüffenden Verwandlung zu verfolgen, die sich nur in minimal variiertem Sprechtempo und Stimmlage vollzieht. Protagonist ist Antagonist. Ist auch Opfer? Eine traurige Dekadenz ist den Darstellern mit weißer Farbe ins Gesicht geschrieben. In den Scheiben der milchweißen Bühne spiegeln sich die Darsteller. Das Quartett, das per Rollentausch entsteht, wird optisch vollzählig. Das Regie-Team zeigt eine bemerkenswerte Arbeit, das Bühnenpersonal sowieso.«


shz

»Im Studio der Kammerspiele hatte ›Quartett‹ [...] in einer Inszenierung von Friederike Harmstorf Premiere. Das Publikum war sehr angetan und applaudierte lange. [...] Ausstatter Sammy Van den Heuvel stellt einen Kasten mit drei weißen Seiten ins Studio. Hineingebaut sind Glaswände. [...] Leise Musik, zu einigen Szenen von der Elektro-Orgel, sonst eher leises Trommeln, Puls- oder Beckenschläge steuerte Carolina Bigge bei. In betont elegantem Sprachduktus beginnt Susanne Höhne ihren ersten Monolog. Genau wie sie entsteigt Valmont (Michael Fuchs) symbolträchtig dem Untergrund. Dann beginnt der Geschlechterkampf [...]. Die gelungene Textauswahl von Friederike Harmstorf bringt vieles auf den Punkt. Die Verführung der kleinen Klosterschülerin oder der Präsidentengattin wird mit perfider Genüsslichkeit zelebriert. Die beiden Darsteller müssen nicht nur die Rollen, natürlich auch die Stimmfarben wechseln. Aus der eleganten Dame wird bei Susanne Höhne schnell eine Person, die aggressiv oder zynisch sein kann. Michael Fuchs bleibt etwas auf Distanz, spielt den Überlegenen, der sich seiner Verführungskunst offenbar doch nicht mehr so sicher ist.«


HL-live

»Alle zentralen Figuren der historischen Vorlage werden durch Michael Fuchs und Susanne Höhne dargestellt. Beide schlüpfen wechselseitig auch in die Rolle ihres Gegenübers, so als nähmen sie wie beim Quartettspiel dem Gegner die zuvor an ihn verlorenen Karten wieder ab. [...] In ihrer dichten Abfolge werden die Briefmonologe unterstützt durch Mimik, Gestik und Posen der Darstellenden zu einem widerstreitenden Dialog. Müllers Sprache ist manchmal direkt wie eine kalte Dusche, aber nie deftig, wobei er die Aufmerksamkeit des Publikums fortwährend herausfordert. [...] Doch hilft die nüchterne, fast schon sterile Szenerie die hintergründigen Tiefen des Geschlechterkampfs zutage zu fördern. Es geht um eine Grundfrage des Lebens in der Ständegesellschaft: Wie bewältige ich die Tatsache, dass mein von Genüssen durchtränktes Leben auf Kosten anderer geht? [...] Die elektronischen Sphärenklänge von Carolina Bigge sind in kurzen Sequenzen pointiert platziert. Sie intonieren im Zusammenspiel mit den Beleuchtungsvariationen die Ausweglosigkeit dieser Spirale [...].Für diese Botschaft der Autoren hat Frederike Harmstorf einen offenen Rahmen geschaffen, der starkem schauspielerischem Ausdruck Raum bietet. Hervorragend füllen ihn Susanne Höhne und Michael Fuchs mit ihrer Intonation, ihrer Körpersprache und Gestik. Ihre [...] Kostüme unterstützen dies aufs Beste. [...] Das Publikum quittierte die Aufführung mit entschiedenem Applaus für Schauspielende und Inszenierende.«


Offener Kanal Lübeck