Tolomeo
Foto: Olaf Malzahn

Musiktheater

Tolomeo

Piktogramm

Oper von Georg Friedrich Händel (1685‑1759)
Libretto von Nicola Francesco Haym (1678‑1729)

Uraufführung 1728 in London

Lübecker Erstaufführung

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere 09/10/20 | Großes Haus
Premiere + 11/10/20 | Großes Haus

Inhalt

»Ungerechter Himmel, du kannst mich töten, doch du erreichst nicht, dass ich deine Strafe verdiene.«

Gestrandet auf einer Insel bewegen sich fünf Menschen im Halbschatten der Seelen, die – wie bei Platon – als Abbilder von etwas anderem auf den Wänden projiziert erscheinen.

Hier wird über große menschliche Themen zwischen Frauen und Männern und über das Leben an und für sich gesprochen. Die Angst sich zu begegnen trotz der Tatsache, dass man sich nicht aus dem Weg gehen kann, weil man die Insel nicht verlassen kann. Die Projektion der Sehnsucht nach der unmöglichen Nähe des anderen, wird zur Qual. Man erkennt auf dieser Insel die Gefühlswelten des Barocks ebenso wie die der Gegenwart – dieses »Das Leben – ein Traum«. Es begegnet uns hier ein modernes Theaterbewusstsein – getragen von der Überzeugung, dass die Fiktion sich über der Wirklichkeit befindet: »Jene Täuschung gefällt dem Herzen besser«, so singen alle im Finale des »Tolomeo«. Bilder aus der Vergangenheit und der Gegenwart werden hervorgezaubert, die sich im Augenblick der gespielten Darstellung auf der Bühne eines Theaters verwirklichen. Oder ist es das Leben selbst? Ist es nicht, was wir gerade alle durch die Pandemie erleben? Mehr lesen

Die Flucht aus dem leeren Raum – die Flucht aus der leeren Zeit: beides sind Sinnbilder der Angst vor dem Nichts. Wir erleben den unaufhörlichen Umsturz der Gefühle und der Leidenschaften: Liebe, aus der Hass wird; Hass, der sich wiederum in Mitleid wandelt. Eine Parabel des Menschen, inmitten eine Krisensituation, der sich von einem Augenblick zum anderen neu erfindet und dem es gelingt, sich an sich selbst bis zur Auflösung zu berauschen. Man sucht nicht mehr die Erhöhung, sondern den Austausch, die Verwandlung des Selbst. Am Ende wird die Konfrontation mit der Wirklichkeit nicht akzeptiert – aus Angst vor der Verantwortung.

Ob das Morgen unserer Helden freud- oder sorgenvoll sein wird, bleibt ungewiss. Wenn sich der Vorhang schließt, findet sich nur ein tödlicher Abglanz auf den Gesichtern derer, die der Flügel des Schicksals gestreift hat. (Anthony Pilavachi) Weniger anzeigen

Besetzung

Musikalische Leitung Stefan Vladar
Inszenierung Anthony Pilavachi
Ausstattung Tatjana Ivschina
Licht Falk Hampel
Dramaturgie Polina Sandler


Tolomeo, früherer König von Ägypten Meili Li
Seleuce, seine Verlobte Evmorfia Metaxaki / Nataliya Bogdanova
Elisa, Schwester von Araspe Andrea Stadel
Alessandro, Tolomeos Bruder Aleksandar Timotić
Araspe, König von Zypern Johan Hyunbong Choi / Beomseok Choi


Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck



Dauer ca. 2 Stunden, 20 Minuten (eine Pause)

Termine | Karten


Sa 26/12/20 | 19.30 Uhr

Großes Haus

Muss leider entfallen.


So 28/03/21 | 16.00 Uhr

Großes Haus
Abo: Theaterfahrt am Nachmittag


So 25/04/21

Großes Haus
Abo: MT.6


Pressestimmen

»Regisseur Anthony Pilavachi gelingt in jeder Minute eine beklemmend-spannende Inszenierung. Dazu kommt am Theater Lübeck eine auch musikalisch hochklassige Produktion. Alle fünf Partien waren sehr gut besetzt, herausragend aber der chinesische Countertenor Meili Li als Tolomeo. Er hat ein kräftig leuchtendes, facettenreiches Timbre, ideal für die Stimmungsschwankungen des Titelhelden. Technisch souverän gelangen Meili Li sowohl die aufgebracht-aggressiven Passagen als auch die verinnerlichten, melancholischen Seiten der Partie mit beeindruckender Intensität und schauspielerischer Präsenz. Auch die beiden weiblichen Hauptrollen waren mit Evmorfia Metaxaki in der mehr lyrisch ausgerichteten Rolle der Seleuce und Andrea Stadel als durchtriebene Elisa mit zwei sehr stilkundigen Sängerinnen besetzt. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck musizierte unter der Leitung von Stefan Vladar einen ebenso erfrischenden wie sensiblen und historisch informierten Händel.«

Deutschlandfunk

»Regisseur Anthony Pilavachi und Ausstatterin Tatjana Ivschina transzendieren das Artifizielle barocker Operngestik und das derzeitige Distanzgebot zu berührendem Musiktheater, das uns ganz viel angeht. […] Vokal ist die Partie des legendären Kastraten Senesino mit dem wunderbar wandlungsfähigen, anmutig anschmiegsamen wie dramatisch furiosen Countertenor Meili Li besetzt. […] Andrea Stadel bestückt die Paradepartie der Faustina Bordoni […] dazu mit lustvoll exaltierter Sopranperfektion. […] Händels reifes, in der Reduktion auf das Wesentliche (mit verblüffend knappen, selten in Da-capo-Ewigkeit schwelgenden Arien!) so meisterhaftes Londoner Werk wird auf einmal ganz enorm modern und heutig. […] Wir haben viel gewonnen, wenn die Oper es wieder, es immer noch kann, uns für derlei genuin Menschliches zu sensibilisieren. Das Berührungspotenzial der Musik trägt dazu entscheidend bei. Die fünf herrlichen Sängerdarsteller und ein mit farbenreich warmem, Anteil nehmendem Händelklang aufwartendes Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck unter seinem Chef Stefan Vladar beweisen es eindrucksvoll.« 


concerti

»Am Theater Lübeck wurde ›Tolomeo‹ in der Inszenierung von Anthony Pilavachi zu einem Triumph. […] Wie sich die fünf handelnden Personen durch die Wasserwüste bewegen, die für die Wüste ihres Gefühlslebens steht, ist nicht nur sehenswert, es ist zutiefst überzeugend. […] Musikalisch war diese Premiere ein Erlebnis. Lange nicht mehr hat man die Lübecker Philharmoniker mit einem solch überzeugenden barocken Klang gehört, vor allem die Streicher boten eine herausragende Leistung. GMD Stefan Vladar wählte zügige Tempi und begleitete die Sängerinnen und Sänger sicher und einfühlsam […] das Ergebnis [war] großartig. Im Ensemble setzte Andrea Stadel als Elisa den Glanzpunkt. Countertenor Meili Li in der Titelrolle sang ausdrucksstark und spielte überzeugend, ebenso Aleksandar Timotic als Alessandro. Evmorfia Metaxaki […] gab die Seleuce mit allen Gefühlsschattierungen, Johan Hyunbong Choi war ein hinreißend polternder König von Zypern. […] Am Ende gab es riesigen Beifall und Bravos für die Sänger, den Dirigenten und das Regieteam.«


Lübecker Nachrichten

»Jetzt hat der Meister [Anthony Pilavachi] mit Georg Friedrich Händels ›Tolomeo‹ […] wieder eine Inszenierung an die Trave gebracht. Wie kaum anders zu erwarten, ist sie großartig. ›Tolomeo‹ ist eine selten aufgeführte Oper und ohne Corona hätte es das Werk auch in Lübeck nicht in diese Spielzeit geschafft. Auf der Suche nach Qualität mit wenig Personal hat es GMD und Opernchef Stefan Vladar, der es auch liebevoll dirigiert, auf den Plan gehoben. Es erweist sich als Juwel. […] Pilavachi wäre nicht Pilavachi, käme auf der Insel der tausend Fragen nicht auch ganz unverschlüsselter Humor zu seinem Recht. […] Das Publikum lacht. Und ist zugleich tief berührt von der Musik und den Stimmen. Die Countertenöre Meili Li (als Tolomeo) und Aleksandar Timotic (Alessandro) bereiten einen in Lübeck selten zu erlebenden Genuss. Evmorfia Metaxaki (Sopran) gibt der Seleuce so viel Seele, dass hier und da tiefe Seufzer zu hören sind, Johan Hyunbong Choi stattet den Araspe stimmlich und körperlich mit überzeugender Machtbesessenheit aus. Die Königin des Abends ist aber Andrea Stadel als Elisa, man glaubt ihr [...] die grandios gesungene Tücke aufs Wort. Der Applaus ist entsprechend begeistert, den lautesten bekommt Pilavachi. Sein Publikum, das ihn seit den ›Ring‹-Inszenierungen hoch verehrt, hat ihn wieder.«


shz

»Anthony Pilavachi inszeniert die erste Begegnung der beiden ›Helden‹ als Wettkampf im Aufrüsten. Das ist schon eine der köstlich gelungenen, zugleich humorvollen Pantomimen, mit denen die Regie die Aufführung würzt. […] Jedenfalls lässt sich leicht Komik herausanalysieren, und das hat Pilavachi zum Vorteil der Oper getan, und vor allem zum Vorteil von Andrea Stadel, die hier einmal wieder eine große Rolle hat. […] Klangvoll ist ihre Stimme, dabei stilistisch sicher bei den barocken Figuren. Auch Evmorfia Metaxaki als Seleuce (alias Delia) erfreut wieder mit ihrem sensiblen Spiel und ihrem warmen, fein schattierenden Sopran. Bewundernswert auch, wie sie die barocken Aufgaben leicht und dynamisch erfüllt. Beide Damen sind Ensemblemitglieder wie auch die kraftvollen wie wendigen Bässe Johan Hyunbong Choi und Beomseok Choi, die als Araspe sich abwechseln. […] Meili Li hatte die Titelrolle übernommen, gewandt und sehr sicher erfüllt er die stimmlichen Aufgaben und überzeugt vor allem in den Duetten mit seiner Seleuce. Sie waren musikalische Höhepunkte. Den Alessandro hatte Aleksandar Timotić übernommen, den er als verliebten Trottel überzeugend gestaltete, auch er stimmlich groß in Form. […] Dennoch bleibt es eine Aufführung einer barocken Oper, nicht zuletzt durch die schon erwähnte Leistung der Sänger, die durch das sensible Orchester großartig unterstützt wird. […] Stefan Vladar hält alles überzeugend zusammen und beweist wieder Stilsicherheit und Engagement.«


nmz

»Große Oper unter Corona-Bedingungen auf die Bühne zu bringen – das scheint die Quadratur des Kreises oder schlichtweg unmöglich. Dass es funktionieren kann […] beweist am Theater Lübeck Meisterregisseur Anthony Pilavachi mit Georg Friedrich Händels Oper ›Tolomeo‹. […] Das Wichtigste einer Oper ist die Musik, und was hier geboten wird, löst Begeisterung aus. GMD Stefan Vladar gelingt es, die auf Abstand spielenden Musiker im Graben zum funkensprühenden Barockorchester zu verschmelzen. Die Sängerinnen und Sänger tragen das ihre zum Erfolg bei. Bei den Damen hat Andrea Stadel die größten Anteile an Spiel und Gesang. Die vielen Arien, die Händel für die Rolle der Elisa geschrieben hat, nutzt sie prächtig. Die zweite Dame im Quintett auf der Bühne ist bei Evmorfia Metaxaki in guten Händen. […] Gleich zwei Countertenöre sind zu erleben. Meili Li singt die Titelpartie, kraftvoll, immer mit Wohlklang. […] Seinen Bruder Alessandro, von Händel als Altpartie gedacht, singt Aleksandar Timotic ausdrucksstark, wie es die Rolle verlangt. Bleibt Johan Hyunbong Choi, der als König von Zypern seinen Bass in Wutausbrüchen hervorragend einsetzen kann.«


HL-live

»Das Publikum war von Anfang bis Ende begeistert. Und dies zu Recht. […] Der hochmusikalische Dirigent Stefan Vladar bringt die von Händel meisterhaft geschriebenen Seelenzustände in pastellfarbenen Pastoralszenen zum Klingen. […] Im Graben sitzen Musiker des Lübecker Philharmonischen Orchesters, die hörbar ihr Bestes geben. Eine kleine Gruppe nur, die aber klanglich bestens mit der Bühne ausbalanciert ist: immer wieder gibt es virtuos-voluminöse, aber auch durch Zartheit berührende Klangerlebnisse. […] Gut, dass es hier einen Maschinisten gibt, der im Orchestergraben am Cembalo (Hans-Jürgen Schnoor) mit seinen Klangvorstellungen stil- und zielsicher den Kapitän oben an Deck des Schiffes unterstützt. […]  Das Vokalensemble beeindruckt durch perfekte Balance zwischen Countertenören und Sopranistinnen. Die beiden Counter (Tolomeo: Meili Li, Allessandro, Tolomeos Bruder: Aleksandar Timotic) sind klangstark und vielfarbig. […] Stolz sein kann das Lübecker Theater auf seine beiden Damen. Evmorfia Metaxaki (Seleuce, Tolomeos Verlobte) ist stimmlich klug, klar, königlich und darstellerisch ebenso präsent wie Andrea Stadel (Elisa, Schwester von Araspe) mit ihrer warmen, virtuosen, wandlungsfähigen Gesangskultur.« 


kultur-port.de

»Pilavachi gelingt zusammen mit der Ausstatterin Tatjana Ivschina eine begeisternde Inszenierung mit einer bis ins Detail ausgefeilten Personenführung und mit einem präzisen Einsatz der Requisiten, die den Figuren zugeordnet werden. […] Sängerisch bleiben keine Wünsche offen. Zwei Countertenöre hat das Theater engagiert. Meili Li […] singt den Tolomeo, überzeugend  in Liebes- wie in Todessehnsucht, beglückt und beglückend im Duett mit der Seleuce von Evmorfia Metaxaki. Der zweite Countertenor ist Aleksandar Timotić […] Kaum aus dem Meer gerettet, brilliert er mit einer großen Arie. Johan Hyunbong Chois Bariton bietet den stimmlich kräftigen Kontrast zu diesen beiden, wütet eindrucksvoll in seiner Eifersucht. Die Paraderolle der Elisa gestaltet Andrea Stadel, eine reine Koloraturfreude und beeindruckende Charakterstudie. […] Das Philharmonische Orchester unter GMD Stefan Vladar bewältigt alle Herausforderungen mit Bravour.«


Lübeckische Blätter

»Es gab für Lübecker Verhältnisse ungemein häufig Szenenapplaus, von dem die ebenfalls zum Ensemble gehörende Sopranistin Andrea Stadel als boshafte Königsschwester Elisa den meisten verbuchen durfte. Zu Recht, denn ihr exzentrisches Spiel und die irre Mimik unterstrichen ihre herausragende gesangliche Leistung. Vom Philharmonischen Orchester der Hansestadt ist man unter der Leitung von Stefan Vladar mittlerweile erstklassige Qualität gewohnt. Vor allem die tänzerische Rhythmik war mitreißend, der Klang brillant und erfrischend, mit delikat ausgearbeiteten Crescendi. Zauberhaft schön formten Orchester und Sänger die Szene zum Ende des Zweiten Aktes […] Evmorfia Metaxaki und Meili Li schufen dabei eine für eine Barockoper geradezu romantische Zartheit. […] Der Beifall klang eher nach vollem als Corona-reduziertem Haus […] und so darf man sich dann nach überstandener Krise auf die nächsten Zauberstücke freuen.«


Klassik begeistert

Diese ursprünglich geplante Produktion wurde aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus auf die Spielzeit 2021/22 verschoben:

Lohengrin

Oper von Richard Wagner

Musikalische Leitung Stefan Vladar
Inszenierung Anthony Pilavachi
Ausstattung Tatjana Ivschina