Zur schönen Aussicht
Foto: Marlène Meyer-Dunker

Schauspiel

Zur schönen Aussicht

Piktogramm

von Ödön von Horváth

Premiere 31/01/20 | Kammerspiele

Inhalt

»Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.«

Die besten Zeiten hat das Hotel »Zur schönen Aussicht« schon lange hinter sich und auch mit dem Personal – verkrachte Existenzen: Autoschieber, ein Totschläger und ein gescheiterter Film-Beau – kann das Etablissement nicht wirklich punkten. Der verschlampte Kellner Max und der ungehobelte Chauffeur Karl haben im Hotel einen prekären Unterschlupf gefunden, in dem sie ihre kriminelle Vergangenheit zu verbergen suchen. Hoteldirektor Strasser, der sich als ehemalige Hoffnung, ja mehr als das, als »Erfüllung der europäischen Filmindustrie« sieht, hält das Hotel mehr schlecht als recht zusammen. Gewieft versucht er finanzielle Forderungen und offene Rechnungen elegant zu umschiffen – etwa wenn er der Eitelkeit des Sekt-Vertreters Müller schmeichelt, indem er ihn als »Generaldirektor Müller, Präsident der Vereinigten Kalkwerke von Paneuropa« tituliert. Strasser hat nur einen einzigen Trumpf im Ärmel: Ada Freifrau von Stetten. Sie ist die einzige – allerdings sehr zahlungskräftige – Gästin. Hoteldirektor Strasser kämpft mit Servilität und Körpereinsatz um die Gunst der reichen Dame. Die Adelige genießt den Tanz ums Goldene Kalb, den die Hotelangestellten um sie herum veranstalten. Gern nimmt sie auch sexuelle Dienstleistungen entgegen. Sie hält die Belegschaft auf Trab. Ihr Geld ist das Öl im Getriebe. Mit leeren Phrasen und Verlogenheit versucht jeder, einen ökonomischen Vorteil zu erringen. Als Adas Zwillingsbruder Emanuel Freiherr von Stetten auftaucht und sie dringend bittet, ihm beim Begleichen seiner Spielschulden zu helfen, hat Ada nur einen weiteren Spielball in der Hand. Erst mit dem Auftauchen der jungen Christine, die Hoteldirektor Strasser mit seiner Vaterschaft konfrontiert, droht das Konstrukt der finanziellen Abhängigkeiten zusammenzubrechen. Christine stört die Mechanik der eingeübten Hotelabläufe – und den Fluss des Geldes: Sie muss weg! Und die Männermeute beginnt ein niederträchtiges Intrigenspiel… Mehr lesen

Ödön von Horváth zeigt in seiner bitterbösen Komödie eine finanziell wie moralisch bankrotte Gesellschaft, eine brutalisierte, skrupellose Männer-Clique, die für ihre Interessen notfalls über Leichen geht. 1926, zwischen den beiden Weltkriegen geschrieben, zeigt Horváth einen Kosmos der inneren Leere, der schon den dräuenden Faschismus ankündigt. Aus dieser gefühlskalten Welt sticht einzig Christine hervor. Mit ihrer Sehnsucht nach Liebe, ihrer selbstlosen Freigebigkeit, ihrer Wahrhaftigkeit und ihrer anderen Art des Denkens entlarvt sie das allein auf den eigenen Vorteil bedachte Bewusstsein der anderen Figuren und verkörpert eine Möglichkeit eines anderen zwischenmenschlichen Umgangs. Anders als bei allen anderen Horváth-Stücken – in denen die weiblichen Protagonisten am Ende entweder im Tod oder in einer freudlosen Ehe oder Beziehung landen – gelingt Christine am Ende ein Aufbruch, eine Art der Emanzipation. Weniger anzeigen

Besetzung

Inszenierung Friederike Harmstorf
Kostüme Sibylle Wallum
Dramaturgie Katrin Aissen
Licht Georg Marburg


Müller Robert Brandt
Strasser Jan Byl
Emanuel Freiherr von Stetten Sven Simon
Ada Freifrau von Stetten Gabriele Völsch
Christine Rachel Behringer


Dauer ca. 1 Stunde, 20 Minuten (keine Pause)

Termine | Karten


Do 04/06/20 | 20.00 Uhr

Kammerspiele
Abo: S.2

Achtung Vorstellungsänderung!

Absage wegen Corona.


Sa 20/06/20 | 20.00 Uhr Zum letzten Mal, Theatertag

Kammerspiele

Achtung Vorstellungsänderung!

Absage wegen Corona.


Pressestimmen

»Das Regieteam legt eine stimmige Arbeit vor, die von der Kunst der sieben Darsteller gekrönt wird. Insbesondere Gabriele Völtsch und Sven Simon schöpfen aus dem Vollen ihres Spielvermögens, wenn sie die zwei scheinbar unterschiedlichen, aber beide doch rabenschwarzen Seiten eines Zwillingspaares hervorholen, das absurd und wirklichkeitsnah in einem erscheint.«


shz

»Regisseurin Friederike Harmstorf hat die Komödie geistvoll, dabei bissig und komisch auf die Bühne gebracht. […] Worte voll mit kaltem Hass, gleichzeitig Schauspiel in vollendeter Situationskomik bannten das Publikum.«


Lübecker Nachrichten

»Friederike Harmstorf inszenierte das Stück aus dem Jahre 1926 in den Kammerspielen. Das ergab einen spannenden Theaterabend, der bei der Premiere am Freitag starken Beifall erhielt. […] Lina O. Nguyen hat ein symbolträchtiges Bühnenbild geschaffen. […] Regisseurin Friederike Harmstorf siedelt ihre Inszenierung als flottes Spiel zwischen schwarzer Komödie und sarkastischem Treiben an. […] Freude hat im Grunde niemand auf der Bühne, dafür das Publikum an einer Inszenierung, die den Text ernst nimmt und ihn überaus lebendig umsetzt.«


HL-live

»Sie [die Inszenierung] war rasant und locker und amüsierte damit das Publikum. Hilfe leistete das Bühnenbild mit zwei bizarren, malerisch im Hintergrund aufragenden Gipfeln (Lina O. Nguyen), in deren Felsstruktur Europa zu erkennen war. [...] Ihre [Kostümbildnerin Sibylle Wallums] Schöpfung für die Damen waren [...] großartig. Vor allem Gabriele Völsch durfte und konnte mit ihren exaltierten Hutschöpfungen groß was hermachen.«


unser Lübeck

»Inszenierung und Spiel sind Verbeugungen vor Horváth, vor dessen Hellsichtigkeit und dessen Witz. Besonders der gelangt in Lübeck zu neuer – aktueller – Strahlkraft. […] Man hat zum Heulen Komisches genossen, nämlich eine Parabel auf eine Gesellschaft, die allzu bereit ist, auf die letzte Lackschicht der Zivilisation zu verzichten.«


Lübeckische Blätter