Theaterleitung

Grußworte

Caspar Sawade  Geschäftsführender Theaterdirektor

Caspar Sawade
Foto: Olaf Malzahn

Liebes Publikum, sehr geehrte Damen und Herren,

mit großer Freude darf ich das Wort an Sie richten, um in Ihnen etwas Vorfreude auf die nächste Spielzeit zu wecken.
Die letzten Wochen waren für uns alle nicht leicht. Zu der Sorge um die eigene Gesundheit, die von lieben Angehörigen, Freunden und Kolleg:innen, die wir alle teilen, konnten die Mitarbeiter:innen des Theaters Ihren Berufen nicht nachgehen. Dabei ist die Ausübung des Berufes für Künstler:innen mehr als Broterwerb. Es ist die Nahrung für die Seele.
Nun zeichnet sich ein Lichtstreif am Horizont für Ihr Theater ab, und mit dieser TheaterZeit wollen wir Sie über unsere Pläne für die nächste Spielzeit informieren. Bitte haben Sie Verständnis, wenn noch nicht alle Überlegungen ganz zu Ende gedacht sind und sich manches im Lauf des nächsten Jahres auch noch ändern kann. Die Mitarbeiter:innen des Theaters haben die letzten Wochen damit verbracht, Antworten auf die Frage zu finden, wie ihr Theater unter dem Gesichtspunkt eines weitreichenden Infektionsschutzes zu organisieren ist. Dies war eine gewaltige Aufgabe. Ich bin sehr dankbar für den Enthusiasmus, mit dem alle Prozesse des Theaterbetriebes auf ihre Konsequenzen für den Gesundheitsschutz, aber auch auf die Ermöglichung weitgehender künstlerischer Gestaltungsmöglichkeiten untersucht und neu gestaltet wurden.
Mein besonderer Dank gilt zudem Christian Schwandt, der nicht nur ein hervorragend aufgestelltes Theater übergibt, sondern für jede meiner Fragen im Zuge der Vorbereitung auf das herausfordernde Amt des Theaterdirektors immer ein offenes Ohr hatte.

Das Theater Lübeck wird in dieser Spielzeit kein übliches Spielzeitheft herausbringen, um Ihnen Lust auf einen oder mehrere Besuche des Theaters in der Spielzeit 2020/21 zu machen. Wie derzeit wohl kaum jemand, können auch wir nicht abschätzen, wann wir wieder zum Normalbetrieb zurückkehren können. Sollte dies aber innerhalb der kommenden Spielzeit möglich sein, möchten wir flexibel reagieren können und wieder wie gewohnt für Sie da sein. Daher werden wir Sie mehrmals in der Spielzeit mit Publikationen über die aktuellen Spielpläne informieren.

In allen Sparten des Theaters gab es Überlegungen, wie mit den geänderten Bedingungen für die Künstler:innen umgegangen werden kann. Schon die Einhaltung des Mindestabstandes ist für Schauspieler:innen, Musiker:innen und Sänger:innen im gewohnten Theaterbetrieb kaum möglich. Wie soll Romeo der sterbenden Julia einen letzten Kuss geben und zugleich den Mindestabstand einhalten? Es wurde also in allen Sparten ein neuer Spielplan entwickelt, der sich unter den veränderten Bedingungen umsetzen lässt. Hierbei wurden sehr unterschiedliche, den Möglichkeiten der Sparten jeweils angepasste Spielpläne entwickelt. Im Bereich des Musiktheaters werden wir mehrere, möglicherweise auch alle geplanten und konzipierten Inszenierungen um eine Spielzeit verschieben und Sie stattdessen mit neuen Inhalten in der Spielzeit 2020/21 überraschen.

Das Schauspiel wird mit Live-Hörspielen in die neue Spielzeit starten und diese um weitere, neue Formate ergänzen. Im Konzert müssen wir auf kleinere Besetzungen zurückgreifen, da der nötige Abstand zwischen den Musiker:innen zu gewährleisten ist.
Auch für Sie als Zuschauer:innen ändert sich Einiges. Sie können unter Umständen nicht mehr auf Ihrem Lieblingsplatz sitzen, da wir zu ihrem Schutz auch auf die Sicherheitsabstände zwischen den Zuschauern achten müssen. Sie können aber selbstverständlich mit Personen Ihres Haushaltes zusammen sitzen. Wir möchten Sie bitten, Ihre Karten vorzugsweise über die Website des Theaters zu erwerben, um unsere Kasse zu entlasten. Auch werden wir Ihren Namen und einen Weg der Benachrichtigung beim Kartenkauf erfassen.

Über die Einzelheiten des Theaterbesuchs in diesen Zeiten informieren wir Sie fortlaufend hier auf der Website.

Ich darf Ihnen auch im Namen der Mitarbeiter:innen eine schöne Spielzeit wünschen und freue mich mit Ihnen auf viele anregende Begegnungen in der Spielzeit 2020/21!

Ihr
Caspar Sawade
Geschäftsführender Theaterdirektor


 

Stefan Vladar  Kommissarischer Operndirektor und Generalmusikdirektor

Stefan Vladar
Foto: Jochen Quast

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes Publikum!

»Mit großer Freude und auch ein wenig Stolz möchte ich Ihnen den Spielplan präsentieren, den ich mit meinem Stellvertreter Bernd Reiner Krieger und unserem Team für Sie zusammengestellt habe. Ein Spielplan, der, wie wir denken, gleichsam eine Belohnung für Ihre langjährige Treue zu unserem Haus und auch ein Wegweiser sein soll für die Reise, zu der wir Sie einladen möchten, uns in den nächsten Jahren zu begleiten.
Als Eröffnungspremiere freuen wir uns auf Peter Konwitschnys Stuttgarter »Medea« von Luigi Cherubini in der Ausstattung von Johannes Leiacker, die 2017 zur Inszenierung des Jahres gewählt wurde.
Anschließend kehrt Anthony Pilavachi, der Schöpfer des legendären »Lübecker Rings« und vieler weiterer großer Lübecker Operninszenierungen mit seiner kongenialen Ausstatterin Tatjana Ivschina an unser Haus zurück, um Wagners »Lohengrin« zu gestalten.
Im November werde ich Ihnen zusammen mit Michael Wallner, dem Bühnenbildner Heinz Hauser in Kostümen der Ihnen bestens bekannten Tanja Liebermann ein Geschenk aus meiner Heimatstadt Wien überreichen – Johann Strauss’ »Fledermaus«.
Im Januar folgt der Krimi der klassischen Moderne, Paul Hindemiths »Cardillac«, dem Goldschmied, der die Trägerinnen seiner Schmuckstücke meuchelt, weil er es nicht erträgt, seine Werke nicht um sich zu haben. Julian Pölsler, der österreichische Filmregisseur, der sich mit einer ganzen Reihe von Kriminalgeschichten und vor allem auch mit der Verfilmung von Marlen Haushofers »Die Wand« als Meister des poetischen »Mystery« erwiesen hat, wird zusammen mit Roy Spahn die geheimnisvolle Geschichte in Szene setzen.
Der März bringt zwei absolute Meister der Angelsächsischen Oper nach Lübeck. Stephen Lawless und sein Ausstatter Ashley Martin Davis, sonst in Glyndebourne, San Francisco, Los Angeles, Montreal, Edinburgh und unzähligen anderen ersten Opernhäusern der Welt zu Hause, werden bei uns Mozarts »Le nozze di Figaro« auf die Bühne zaubern.
Beschließen wird die Spielzeit ein besonderes Herzensprojekt von uns: Die selten gespielte, hochemotionale und zu Zeiten ihrer Uraufführung 1913 an der Mailänder Scala sensationell erfolgreichen Tragödie »Die Liebe der drei Könige (L’amore dei tre re«) von Italo Montemezzi, ein Beispiel glühenden Verismos wird von »unserer« Effi Méndez inszeniert, die Ihnen mit Bühnenbildner Stefan Heinrichs und Kostümbildnerin Ilona Holdorf-Schimanke von Bernsteins »A Quiet Place« noch in bester Erinnerung sein wird.«

So hätte mein Vorwort zum Spielzeitheft ausgesehen.
Doch dann kam Corona …

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat nicht nur das gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Leben völlig umgekrempelt, sondern auch das kulturelle. Abstand- und Hygieneregeln machen Musiktheater, wie wir es gewohnt sind, auf noch unbestimmte Zeit leider unmöglich!

Aber wir wollen den Pakt mit Ihnen, liebes Publikum, nicht aufgeben. Wir bleiben beharrlich und es soll alles so kommen, wie wir es für Sie geplant hatten, nur – da, wo es noch nicht anders geht – um ein Jahr verschoben. Selbes Stück, selbes Team, selber Monat, aber eben erst im folgenden Jahr. Wir sehen die dadurch entstandene Situation aber nicht nur und in erster Linie als Bürde, sondern und vor allem auch als Chance! Wir beugen uns selbstverständlich den auferlegten »neuartigen« Regeln und nutzen diese Gelegenheit, einen Spielplan ins Leben zu rufen, der Ihnen »Perlen« des Opernschaffens zeigen wird, die vielleicht zu Unrecht sonst nur sehr selten zu hören sind, nicht zuletzt weil sie eben nicht die Opulenz in den Orchestergraben und auf die Bühne bringt, die uns vor allem die Meister der Oper des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts so unentbehrlich gemacht haben. In dieser Opulenz der Klangwelten großer Orchester und Chöre läuft man aber auch Gefahr, den Blick zu verlieren auf die kleinen, konzentrierten Szenen, die sich – nicht weniger bedeutsam – zwischen den Menschen abspielen, in ihren Höfen und Zimmern, in ihren Sorgen und Nöten, in ihren Träumen und Hoffnungen, ihrer Tragik und ihrer Komik.

Von ihnen wollen wir erzählen – mit kleinen Orchestern, ohne Chöre, ohne Körperkontakt, aber durch die Magie der Musik, mit der Fantasie und den Imaginationen des Theaters, mit derselben Hingabe und – mit denselben Menschen!
Peter Konwitschnys Assistent Rainer Vierlinger präsentiert uns das »Paradebeispiel« möglicher Reduktion in der Oper. Eine Sängerin und ein Telefon, Kommunikation in der Isolation, der Mitmensch nicht greifbar in einem Doppelabend mit Francis Poulencs »Die menschliche Stimme« (»La voix humaine«) und Gian Carlo Menottis »Das Telefon«.
Anthony Pilavachi erzählt uns die Geschichte von »Tolomeo«, dem Ägypterkönig
in der gleichnamigen Oper von Georg Friedrich Händel. Michael Wallner schreibt und inszeniert einen höchst unterhaltsamen Abend über Cole Porter, den Weltmeister des Songs, und Julian Pölsler versenkt sich in die geheimnisvolle Atmosphäre von August Strindbergs und Aribert Reimanns »Gespenstersonate«.
Für die beiden letzten Opernproduktionen der Saison sind eventuelle Alternativoptionen derzeit noch in Planung.

Wann immer »Corona« unsere Gesellschaft verlässt, freiwillig oder zwangsgeräumt durch einen Impfstoff, kehren wir – mit der zur Vorbereitung und Einstudierung nötigen Verzögerung – zu unserer ursprünglichen Planung zurück. Bis dahin steht uns noch ein langer und steiler Weg bevor, aber es ist ein Weg, den zu gehen – besonders nach der Erfahrung des Verzichts, den wir durch die erzwungene Trennung und Isolation erfahren mussten – es lohnt. Wir wünschen uns sehr, dass Sie diesen Weg mit uns gehen. Lassen Sie uns gemeinsam diesen Anstieg nehmen, zurück in eine Normalität, in der das gemeinschaftliche Erleben von Kultur uns wieder stärkt und beseelt.
Und vor allem: Haben Sie keine Angst! Wir haben alles vorbereitet, dass Sie in unserem Haus allzeit sicher ein und aus gehen können. Wir schützen Sie, sofern Sie sich selber schützen!
In diesem Sinne freuen wir uns auf viele spannende und erbauende Opernabende und vor allem freuen wir uns auf Sie, liebes Publikum!

Ihr
Stefan Vladar
Kommisarischer Operndirektor und Generalmusikdirektor


 

Pit Holzwarth  Schauspieldirektor

Pit Holzwarth
Foto: Marlène Meyer-Dunker

Sehr geehrtes Publikum,

13. März: Die Welt, wie wir sie kannten, kam zum Erliegen: Lockdown. Es war eine nie gekannte Zwangsentschleunigung, die unserem öffentlichen kulturellen Leben zeitenweise die Luft abdrehte. Die Sicherheit wird hoffentlich nur für kurze Zeit über die Freiheit siegen. Dafür arbeiten wir. Doch die Welt wird eine andere werden, nach diesem Ausnahmezustand der Demokratie. Für unsere Kunst brauchen wir den Dialog mit Ihnen. Wir sehnen uns nach Ihrem Atem, dem Klang Ihrer Hände. Ihre Blicke erwecken unser Spiel zum Leben und Ihre Gegenwart macht diesen Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum zu einem unverwechselbaren lebendigen Ereignis.

Diese Krise erscheint mir wie ein historischer Moment des Umbruchs, der den schnellen Infarkt einer kollektiven Erzählung, der Wachstumsökonomie der industriellen Moderne und ihrer Grundlage, der gewalttätigen Herrschaft des Menschen über die Natur, einleiten könnte. Wir müssen lernen unsere Geschichten anders und neu zu erzählen.

Dieses aggressive Verhältnis zu unserer Erde und zu den Menschen ist seit langer Zeit ein entscheidender kultureller Faktor und eine mögliche Ursache für die Krise der Welt im Anthropozän. In meiner vorletzten Spielzeit in Lübeck wollen wir dieses Weltverhältnis und die Verfeindungsstrategien der Menschen durch unsere Stückauswahl näher untersuchen. Mit dem »Schimmelreiter« und »Peer Gynt« werden zwei Figuren vorgestellt, die als Eroberer, Wissenschaftler, Industrieller und Abenteurer versuchen ihr Glück der Welt aggressiv abzutrotzen.

Mit Joshua Sobols selten gespieltem Stück »Ghetto« setzen wir uns mit der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts auseinander: der industriellen Vernichtung von Menschen durch eine rassistische, bösartige, hasserfüllte Ideologie und Politik.

Wajdi Mouawds »Vögel« wäre meine letzte Premiere der vergangenen Spielzeit gewesen, die leider durch den Lockdown nicht das Licht der Welt erblicken konnte. Weil wir dieses Theaterstück für unsere Gegenwart so wichtig finden, haben wir uns entschlossen, dieses Familienepos über den Nahostkonflikt in die Spielzeit 2020/21 zu transferieren.

In unserem Weihnachtsstück zeigen wir einen Gegenentwurf zu einer sich immer weiter beschleunigenden Welt. Michael Ende entwickelt in »Momo« eine alternative Utopie: eine Welt, in der wir uns Zeit nehmen für Freundschaft und Poesie: »Die Zeit ist das Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.« »Der Untertan« von Heinrich Mann, dessen Geburtstag sich in der kommenden Spielzeit zum 150. Male jährt, und »Eine kurze Chronik des künftigen China« des jungen Hongkonger Autors und Aktivisten Pat To Yan beschäftigen sich lustvoll mit Transformationsprozessen in autoritären Gesellschaften.

Zum Abschluss der Spielzeit befassen wir uns mit dem Thema Mensch-Maschine. E. T. A. Hoffmanns Novelle der schwarzen Romantik »Der Sandmann« und Heinrich von Kleists Aufsatz »Über das Marionettentheater« treten in einen Dialog über die Grazie eines künstlichen Menschen und dessen abgründige Seite.

Die selten gespielte Theaterautorin Anna Gmeyner befragt in ihrem grotesk-komödiantischen Volksstück »Automatenbüffet« die Ökonomisierung der Welt, die scheinbar auch vor der Liebe nicht Halt macht.

Wir werden Ihnen die Aufführungen der neuen Spielzeit als kurzweilige Live-Hörspiele und formal aufregende epische Experimente präsentieren. Für Ihren Theaterbesuch haben wir ein differenziertes Hygiene-Konzept entwickelt, mit einem auf die Einhaltung der Abstandsregeln ausgerichteten Platzangebot, so dass Sie ohne Angst unseren neuen Spielplan genießen können. Daran haben wir mit unseren Experten intensiv gearbeitet. Wir wollen mit unserem Spiel berühren und durch die Zuschauer berührt werden. Der Austausch zwischen Bühne und Auditorium ist durch kein Streaming und keine digitale Repräsentation zu ersetzen.
Wir freuen uns auf Sie!

Ihr
Pit Holzwarth
Schauspieldirektor